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Ist einfache Sprache für alle besser – oder nicht? Annäherung an eine schwierige Frage

von Kathrin Legermann

„Maskenpflicht fällt auch im Nahverkehr“, so titelte die Tagesschau am 13. Januar 2023. Sie verwendet eine bildliche Sprache, die nicht für alle leicht verständlich ist. Wie es einfacher geht, zeigt der Deutschlandfunk mit dem Angebot Nachrichtenleicht: „Keine Corona-Masken-Pflicht mehr“. Hier ist die Neuerung klar benannt und zusammengesetzte Wörter sind mit Bindestrich getrennt. Das sind wichtige Merkmale der Einfachen Sprache. Uwe Roth ist Spezialist für Leichte und Einfache Sprache. Er findet es wichtig, vermehrt auf solche Aspekte zu achten: „Es gibt immer weniger Menschen, die konzentriert längere, komplizierte Beiträge lesen können und wollen,“ sagt er. „Um sie zu erreichen, müssen Texte auf dieses Lesebedürfnis ausgerichtet sein. Deswegen glaube ich an die Zukunft der Einfachen Sprache. Sie ist nicht für bildungsferne Menschen. Sie ist für uns alle da.“

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie im Ruhestand, Essayist und Kulturpublizist. Er erkennt eine genau gegenläufige Entwicklung: „Immer mehr Leute haben einen Universitätsabschluss. Warum sollen sie in ihrem sprachlichen Können eingeschränkt werden? Ich bezweifle, dass Einfache Sprache für alle notwendig oder sinnvoll ist.“

Wie sich Einfache Sprache auf den Inhalt auswirkt

Ob alle Menschen von der Einfachen Sprache profitieren können, lässt sich also nicht so einfach beantworten. Die Faktenlage macht es nicht leichter: Auf der einen Seite steigt das Bildungsniveau in Deutschland tatsächlich immer weiter. Laut statistischem Bundesamt absolvierten im Jahr 2005 rund 250.000 Studierende erfolgreich eine Abschlussprüfung. Im Jahr 2021 waren es knapp 510.000. Auf der anderen Seite stimmt aber auch, dass die Aufmerksamkeitsspanne immer weiter abnimmt. Das belegte ein Forschungsteam der Technischen Universität Berlin, des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, des University College Cork und der Technical University of Denmark in einer Studie.

Vielleicht hilft ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn alle Texte in Einfacher Sprache geschrieben wären? Konrad Paul Liessmann sieht darin eine große Gefahr. Er gibt zu, dass manche Texte unnötig kompliziert verfasst sind. Allerdings fürchtet er, dass Einfache Sprache dem Inhalt häufig nicht gerecht werden kann. Er sagt: „Manche Dinge sind kompliziert. Eine sprachliche Vereinfachung bedeutet, dass ich auch den Inhalt vereinfache – oder im schlimmsten Fall sogar verfälsche. Dass die Rechtssprache zum Beispiel immer komplizierter geworden ist, ist ja nicht nur auf hierarchische Überlegenheitsgefühle zurückzuführen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass unser Rechtssystem mit einfachen Hinweisen wie den zehn Geboten nicht mehr auskommt.“

Uwe Roth hat in seiner täglichen Arbeit andere Erfahrungen gemacht. Er glaubt, dass die Einfache Sprache nur ein Imageproblem hat. „Wenn ich den Menschen sage, dass ein Text in Einfacher Sprache geschrieben ist, sind sie häufig skeptisch“, berichtet er. „Wenn ich das aber nicht erwähne, sagen sie, dass sie den Beitrag verständlich, gut lesbar und sehr informativ finden.“ Aus seiner Perspektive geht kein Inhalt verloren, wenn ein komplizierter Satz in mehrere aufgeteilt wird. Im Gegenteil: Ein Text könne dann sogar rechtssicher und gleichzeitig besser verständlich sein. Das bewies Uwe Roth unter anderem mit einem Leitfaden zum Arbeitslosengeld II.

Der schwere Weg zu Einfacher Sprache

Dieses Ziel zu erreichen, ist jedoch nicht einfach. Für eine Dauerausstellung zu Stuttgart 21 hat Uwe Roth alle Erklärungstexte in Einfacher Sprache verfasst. Er und der Kurator haben dafür eng mit den Ingenieurinnen und Ingenieuren zusammengearbeitet. Diese wollten häufig an komplizierten Begriffen festhalten. „Ein Text in Einfacher Sprache braucht Kreativität und die Zusammenarbeit mit den Informationsgebenden“, sagt Uwe Roth. „Am Ende ist die deutsche Sprache aber sehr redundant. Man kann viel herausstreichen, ohne dass eine Information verloren geht.“

Und die Mühe lohnt sich. Das sieht auch Christiane Maaß so. Sie ist Professorin für Medienlinguistik an der Universität Hildesheim und Gründerin der Forschungsstelle Leichte Sprache. Sie sagt: „Einfache Sprache hat einen entscheidenden Vorteil: Sie macht Texte auch für Leute verständlich, die keine Expertinnen oder Experten auf einem Gebiet sind. Wir sind umgeben von dysfunktionalen Texten. Die setzen voraus, dass wir alles Mögliche wissen. In diesem Bereich ist die Einfache Sprache enorm hilfreich.“ Für Christiane Maaß steht Einfache Sprache aber nicht in Konkurrenz zur Standardsprache. Sie ist eine Ausprägung davon. Die Einfache Sprache ist Teil eines Spektrums. Auf der einen Seite steht die Fachsprache und auf der anderen die Leichte Sprache. Die Einfache Sprache ordnet sich dabei sehr viel näher an der Leichten Sprache ein als an der Fachsprache.

Der Kontext ist entscheidend

Diese Perspektive hilft vielleicht auch, einen Kompromiss in der Frage zu finden, ob Einfache Sprache für alle besser ist: Am Ende kommt es darauf an, den Kontext eines Textes zu beachten. Was soll er transportieren? Welche Funktion hat er? Für wen ist er gedacht? Nur so lässt sich der passende Sprachstil finden. „Es wird immer begrenzte Kontexte geben, in denen die Fachsprache ihre absolute Berechtigung hat“, sagt Christiane Maaß. „Auch in der Literatur kann ein gewisser Sprachstil sehr erbauend sein. Auf der anderen Seite braucht es neben Texten in komplizierter und Einfacher Sprache auch Parallelangebote in Leichter Sprache.“ So werden wir weiterhin mit Texten in allen möglichen Ausprägungen konfrontiert sein.

Schauen wir uns das einmal am Beispiel der politischen Kommunikation an: Immer wieder geht es hier um komplizierte Sachverhalte, die viele Menschen betreffen. Die Aufgabe besteht also darin, Inhalte einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung zu stellen. Daraus ergibt sich automatisch, dass Texte möglichst verständlich sein sollten. Die Richtlinien der Einfachen Sprache helfen dabei. Allerdings versteht sich von selbst, dass Inhalte nicht verfälscht werden dürfen. Es kommt also darauf an, ein gutes Gleichgewicht zu finden.

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