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Zeit zu handeln! Ein paar persönliche Eindrücke vom SocialSummit 2026

von Rebecca Lochner

Überall in Deutschland ist er zu hören: der Ruf nach Veränderung. Es wird gewarnt, gefordert, geklagt – doch gehandelt wird oft zu spät. Warum fällt uns das Loslegen so schwer? Mit dieser Frage im Kopf kommen mehrere hundert Zuhörer*innen zum diesjährigen SocialSummit. Sechs Stunden lang geht es darum, was uns bremst und wie wir doch noch aktiv werden können.

Von Schwellenangst und Veränderungslust

Kurz vor zehn, das PUBLIX Berlin ist gut gefüllt. Gespräche verstummen, Stühle rücken, dann beginnt die Keynote. Die Beobachtung von Prof. Dr. Karl‑Rudolf Korte: Rund 150 Gesetzesvorhaben habe die Bundesregierung in dieser Legislatur bereits eingebracht, nun dauere es im Schnitt nur noch 260 Tage, bis aus den Referentenentwürfen beschlossene Gesetze werden. Gibt es also doch keinen Mangel an Aktivität im Land? Der Politikwissenschaftler widerspricht: Politik sei gut darin, Ankündigungen zu machen, vergesse dabei aber oft, Mehrheiten zu organisieren, die für den erfolgreichen Abschluss von Reformvorhaben benötigt werden. Das eigentliche Problem liege zudem tiefer: In Deutschland dominiere ein Bedürfnis nach „Planungssicherheit". Daraus entstehe eine ausgeprägte „Schwellenangst", also die Scheu, unbekanntes Terrain zu betreten und Veränderungen wirklich zuzulassen.

Die Herausforderung bestehe deshalb nicht nur darin, Veränderungen zu erklären, sondern Lust auf sie zu machen. „Schwellenlust" nennt Korte das: die Fähigkeit, den Schritt ins Ungewisse nicht als Risiko, sondern als Chance zu begreifen.

Verstanden. Aber wie erzeugen wir nun diese Lust auf Veränderung?

Das Positive aus Krisen mitnehmen

Peer Steinbrück, ehemaliger Bundesfinanzminister und Mitbegründer der „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“, und Prof. Dr. Kora Kristof, Vizepräsidentin für Digitalisierung und Nachhaltigkeit am KIT, identifizieren die Kommunikation rund um Veränderungsvorhaben als einen der Gründe für den Reformunwillen. Sie plädieren für mehr Konfliktbereitschaft der Politik und mehr Ehrlichkeit gegenüber den Bürger*innen darüber, was auf sie zukommt. Kristof und Steinbrück empfehlen, den Blick darauf richten, was wir Positives aus Krisen und Transformationen mitnehmen können.

Es geht also nicht um mehr Kommunikation, sondern um bessere Kommunikation – um eine, die fühlbar ist, ergänzt Steinbrück. Kristof bringt es auf den Punkt: „Wir brauchen eine Vision, die die Herzen der Menschen erwärmt."

Bei aller Vision dürfe aber die Realisierbarkeit nicht aus dem Blick geraten. In Deutschland gebe es oft die diffuse Erwartungshaltung, dass alles auf Anhieb klappen müsse. Dauert etwas länger oder werden Dinge noch einmal überarbeitet, ist die Krise schnell vorprogrammiert. Das hemme die Veränderungslust, besser sei es, eine Evaluationskultur zu etablieren, die Fehler erlaubt und das Loslegen belohnt. Kommunikation dürfe auch nicht mit der Verabschiedung eines Gesetzes enden, ergänzt Philipp von der Wippel, Gründer und Geschäftsführer von ProjectTogether:

Kein Unternehmen der Welt würde ein Produkt entwickeln und dann den Roll‑out nicht mitdenken. In der Politik und bei neuen Gesetzen ist das oft der Fall.

Philipp von der Wippel

Nicht zuletzt brauche es Empathie, meint Clemens Brüchert, der mit der „Initiative für die Schule der Zukunft" in Rheinland‑Pfalz eine aktive Ermöglichungskultur lebt und Bildungsinnovationen möglich macht: „Wenn ich Widerspruch spüre, dann liegt da auch etwas dahinter." Hier helfe es, in den Austausch zu gehen und erstmal richtig zuzuhören.

Community Buliding im Analogen

Das sieht auch Claudine Nierth so, die Bundesvorstandssprecherin von Mehr Demokratie e. V. Sie meint: wir urteilen viel zu schnell über andere und schauen viel zu selten auf uns selbst.

Es ist zu einer Kultur geworden, sich zu distanzieren.

Claudine Nierth

Sie schlägt drei einfache Übungen für mehr gegenseitiges Verständnis vor: sich einmal am Tag in die Schuhe einer anderen Person hineinversetzen; sich in Diskussionen fragen, wo das Gegenüber einen Punkt haben könnte; und andere nicht fragen, wie sie über etwas denken, sondern wie es ihnen damit geht.

„In der Demokratie ist das Gespräch durch nichts zu ersetzen", betont auch Korte. Deswegen muss man dorthin gehen, wo Menschen sind: in Vereine, auf Volksfeste, zur Feuerwehr, in Kneipen. Oder wir machen das Hingehen direkt zum Programm – wie Jugendliche aus Vorpommern, die mit einem Eisbus über das Land gefahren sind, um mit Bewohner*innen ins Gespräch zu kommen, wie Alicja Orlow, Projektleiterin „Zukunftswege Ost in Vorpommern", berichtet. Eis scheint überhaupt ein guter Icebreaker zu sein: Unter dem Titel „Social Just-Ice" produziert Jan Stassen mit seinem Team Sorten wie Safran oder Vanille und erzählt dazu die Geschichten von Menschen aus den Herkunftsländern der Zutaten. Gemeinsam gegessen, schafft das eine niedrigschwellige Gelegenheit für Austausch.

Andere setzen statt aufs Aufsuchen aufs Einladen. Moriz Piffl‑Percevic ist Geschäftsführer der Generationencafés „Vollpension" in Wien, in denen vor allem Seniorinnen angestellt sind und sich etwas zu ihrer Rente hinzuverdienen:

Bei Zuckerguss, Schokolade und Sahne werden auch die schweren Sachen angesprochen: Einsamkeit, Ängste. Der Kuchen ist quasi ein Trojanisches Pferd, um Dinge thematisieren zu können.

Moriz Piffl‑Percevic

Niccolo Brunetti, Geschäftsführer des unabhängigen Online‑Mediums Bajour aus Basel, sucht aktiv den Dialog mit seinen Leser*innen: Alle sind eingeladen, die Redaktionsbüros aufzusuchen und Kritik wie Anregungen persönlich mitzuteilen. Orlow berichtet von ihren Erfahrungen aus dem Flächenland Mecklenburg-Vorpommern und weist bei all den Vorschlägen auf eine so wichtige wie selten thematisierte Bedingung für Engagement hin:

Wie viel Zeit haben Menschen im Alltag eigentlich, um sich zu engagieren?

Alicja Orlow

Zumindest in der darauffolgenden Pause fanden viele Teilnehmende Zeit, sich auszutauschen. Es dauerte einen Augenblick, bis alle wieder sitzen, denn die Gespräche untereinander hatten gerade erst begonnen.

Wir dürfen loslegen

Eine Lösung für niedrigschwelliges Engagement mit kleinem Zeitbudget bieten Samira El Ouassil und Jonny Mahoro an: Schreibt nette Kommentare auf Social Media! Teilt Dinge, die euch gefallen, und beeinflusst so den Algorithmus.

Es muss eben nicht immer das große Ding sein, ein kleines Projekt, ein erster Schritt, der später immer noch wachsen kann, genügt mitunter schon. Viel wichtiger als der große Wurf, die Unternehmensgründung oder die Staatsreform ist ein Mentalitätswandel: Zu oft, bedauert Kristof, werde die Verantwortung für Wandel an den Staat abgeschoben: Dabei liegt die Veränderung bei uns allen, wir tragen eine gemeinschaftliche Verantwortung. Statt auf andere zu warten, sollten wir einfach loslege, so wie Robert Ide, Autor und Journalist beim Tagesspiegel, der kürzlich einen Kleingarten‑Lauf entlang der ehemaligen Sektorengrenzen in Berlin organisierte:

Es gab Soljanka im Osten und Bananen im Westen. Und dann haben alle zusammen gefeiert.

Robert Ide

Was fürs Handeln neben Veränderungskompetenz oft fehlt, ist die Erlaubnis, Dinge auszuprobieren: Anderen Menschen Vertrauen zu schenken, sagt Brüchert, sei einer der unterschätztesten Hebel für gesellschaftliches Engagement. Denn ohne Ausprobieren geht es nicht, das weiß auch Leandro Burguete, der mit Haferkater Porridge als Frühstück‑to‑go in Deutschland etabliert gemacht hat.

Solange man die Idee nicht ausprobiert, kann man nicht wissen, ob sie funktioniert. Und die gleiche Idee kann an einem anderen Ort ein ganz anderes Ergebnis haben.

Leandro Burguete

Positivität als Widerstand

Falls bis hierhin für das eigene Engagement nichts dabei war, noch ein letzter Tipp: „Die Rechtsradikalen hassen Positivität", sagt Korte. Deshalb habe man an diesem Tag ganz viel Positives gesammelt. Man könne also durchaus einen Unterschied machen, indem man sich von der Negativität nicht anstecken lasse und im Zweifel positive Nachrichten und Projekte von anderen einfach weitererzähle.

Pünktlich zum letzten Panel fängt es draußen an zu regnen. Drinnen wird es trotzdem hell: Dank und Blumen zum Abschied. Was bleibt, sind drei Ansätze für mehr Zuversicht und Engagement: bessere, fühlbare Visionen. Begegnungen, die wir aktiv suchen. Und die Erlaubnis, einfach loszulegen.

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