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"Politiker*innen sollten uns mehr zuhören" – Wie Unterstützte Kommunikation Teilhabe verbessert

von Levi Kersting

Julia, du verwendest Unterstützte Kommunikation. Was ist das?

Manche Menschen können nicht oder nur wenig mit dem Mund sprechen. Ich auch nicht. Viele Menschen denken dann schnell, dass wir nichts zu sagen haben, aber das stimmt natürlich nicht. Unterstützte Kommunikation (UK) gibt Menschen wie mir eine Stimme.

Unterstützte Kommunikation wird in vielen Bereichen eingesetzt: in der Schule, bei der Arbeit, zu Hause, in der Freizeit oder in Therapien. Viele Menschen nutzen sie im Alltag, um sich mitzuteilen. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten: Es gibt technische Hilfen wie Sprachcomputer (Talker), die man mit den Händen oder mit den Augen steuern kann. Damit kann man über eine Tastatur schreiben und sprechen. Mit Bildschirmlupen und -vorlesern kann man Internetseiten und Apps benutzen oder eBooks lesen. Auch grafische Symbole können unterstützen, etwa Fotos, Bilder oder Schriften. UK-Nutzende können dann auf die Symbole zeigen, zum Beispiel auf Kommunikationstafeln, -büchern oder -ordnern.

Ich selbst nutze einen Talker mit Augensteuerung. Mit meinen Augen kann ich sprechen, erzählen, lachen, nachfragen und meine Meinung sagen. Ich nutze meinen Talker fast immer – bei der Arbeit und bei meinen Vorträgen, beim Schreiben von E-Mails, in sozialen Medien und im Alltag. So kann ich sagen, was ich denke und was mir wichtig ist.

Du bist Referentin für Unterstützte Kommunikation. Was machst du dabei?

Als UK-Referentin informiere ich als Expertin in eigener Sache. Dafür habe ich eine mehrjährige Ausbildung bei der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation e.V. gemacht. Jetzt halte ich Vorträge über mein Leben mit Unterstützter Kommunikation. Dabei erkläre ich, wie man Unterstützte Kommunikation einsetzen kann und wie wichtig sie ist.

Warum bist du UK-Referentin geworden?

Ganz einfach: Ich helfe gerne anderen Menschen. Aber mir ist auch wichtig, dass mehr Menschen Unterstützte Kommunikation kennenlernen. Leider wissen bisher nämlich nur wenige, was das ist. Ich möchte zeigen, wie wichtig diese Art der Kommunikation ist. In den letzten Jahren gab es einige gute Neuerungen in Richtung Barrierefreiheit. Zum Beispiel die BITV 2.0 oder das BFSG. Vieles davon dient aber eher dazu, dass man sich barrierearm Informationen beschaffen oder Dienste nutzen kann. Sie helfen aber nicht dabei, sich mitzuteilen, wenn man nicht sprechen kann.

Viele Menschen, die Unterstützte Kommunikation nutzen, sind zufrieden mit ihrem Leben – so wie ich. Auch wenn wir nicht mit dem Mund sprechen können, haben wir Wünsche, Meinungen, Humor und viel zu sagen. Ein gutes und erfülltes Leben ist auch möglich, wenn man nicht sprechen kann oder eine andere Behinderung hat. Das sollte selbstverständlich sein, aber oft gibt man uns nicht die Möglichkeit, uns mitzuteilen.

Unterstützte Kommunikation hilft uns dabei, uns zu äußern und unser Recht zur Teilhabe wahrzunehmen.

Julia Frymark, Referentin für Unterstützte Kommunikation

Wo wünschst du dir mehr Unterstützte Kommunikation?

In der politischen Teilhabe fehlt Unterstützte Kommunikation oft noch. Politiker*innen sollten uns mehr zuhören. Wir müssen erklären können, was wir brauchen und wollen. Zum Beispiel brauchen wir elektronische Kontaktmöglichkeiten, am besten über E-Mail, und nicht nur telefonische. Auch Kontaktformulare sind oft nicht barrierefrei.

Es gibt so viele Möglichkeiten, als Bürger*in politisch teilzuhaben. Leider gibt es dabei oft Barrieren, weil Angebote nicht für alle verständlich sind oder voraussetzen, dass man sich selbstständig mitteilen kann. Das geht für manche Menschen aber nur mit Unterstützter Kommunikation.

Wie können öffentliche Stellen Unterstützte Kommunikation nutzen?

Öffentliche Stellen müssen ihre Angebote barrierefrei gestalten. Leider wird das bisher nicht genug umgesetzt. Zum Beispiel fehlen oft barrierefreie Internetseiten oder Möglichkeiten, sich Inhalte vorlesen zu lassen. Informationen sollten immer auch in Leichter Sprache zur Verfügung stehen und nicht erst auf Nachfrage. Da können viele Stellen noch nachbessern.

Bei Angeboten für die politische Teilhabe sollten sich alle Menschen mitteilen können. Bürger*innendialoge oder Informationsveranstaltungen sollten zum Beispiel immer mit Gebärdendolmetscher*innen stattfinden. Auch grafische Symbole vor Ort helfen dem gegenseitigen Verständnis. Politiker*innen und öffentliche Stellen sollten zudem die nötige Sensibilität dafür haben, wie Menschen mit Unterstützter Kommunikation kommunizieren. Da ich über einen Talker mit Augensteuerung spreche, dauert es länger, bis ich auf eine Frage antworten kann. Wichtig ist, dass man mir genug Zeit gibt und mich aussprechen lässt.

Politiker*innen und Ämter sollten uns direkt fragen, was wir wirklich brauchen. Wir wissen selbst am besten, welche Unterstützung uns hilft und wie sie gestaltet sein sollte.

Julia Frymark, Referentin für Unterstützte Kommunikation

Unsere Erfahrungen und Wünsche sind wichtig, damit Unterstützte Kommunikation wirklich funktioniert und uns ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Ganz nach dem Grundsatz: „Nichts über uns ohne uns!“

Was bedeutet Unterstützte Kommunikation für dich persönlich?

Leider werden Menschen, die nicht selbst sprechen können, nicht immer ernst genommen. Das müssen wir aber, damit wir selbstbestimmt am Leben teilnehmen können. Unterstützte Kommunikation hilft dabei enorm. Für mich bedeutet sie deshalb Freiheit. Sie bedeutet Teilhabe. Sie bedeutet, dass ich dabei sein kann – im Gespräch, im Alltag und im Leben. Ich kann zwar nicht mit meinem Mund sprechen, aber ich habe viel zu sagen. Meine Stimme zählt. Deshalb sollten mehr Stellen ihre Angebote barrierefrei machen und sich über Unterstützte Kommunikation informieren.

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