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Was Amateurtheater und politische Kommunikation gemeinsam haben. Und warum das ein Kompliment ist

von Colin Kossizin

Endlich sind alle da. Die Anwesenden haben sich noch kurz ein Getränk geholt und es sich bequem gemacht. Alle werden leiser. Das Licht geht an. Es folgt der obligatorische Mikrofon-Check: „Eins, zwei… Hört man mich?“ Im Hintergrund wird mit Papier geraschelt, Menschen werfen sich letzte aufmunternde Blicke zu. Die Spannung ist spürbar. Gleich geht es los.

Doch wo genau befinden wir uns? Vielleicht sind wir in der ersten Reihe eines Theaterraums, in dem die Zuschauenden gespannt auf den Start der Aufführung warten. Vielleicht sind es aber auch Vertreterinnen und Vertreter einer Kommune, eines Ministeriums, eines Verbandes. Vielleicht beginnt gerade die Premiere eines sorgfältig einstudierten Theaterstücks – oder die Präsentation einer Kampagne für ein großes Ministerium. Sind die Unterschiede so groß, wie man auf den ersten Blick denkt? Und: Ist das überhaupt wichtig?

Die Unberechenbarkeit des Alltäglichen

Denn egal, ob auf einer kleinen Amateurbühne oder im Besprechungsraum eines politischen Projekts: Jeder Auftritt ist ein Wagnis, das Mut erfordert. Und weil im Leben selten etwas nach Plan läuft, zeigt sich bei beidem schnell, wie wichtig flexibles Agieren ist. Gerade in einer Welt, in der wir alle oft das Gefühl haben, dass sich täglich die Ereignisse auf der buchstäblichen Weltbühne überschlagen. Improvisation kann deshalb zum Schlüssel werden: für mehr Resilienz und bessere Ergebnisse.

Im Theater vergisst jemand seinen Text, ein Requisit fällt um, das Licht kommt zu früh. In Projekten der politischen Kommunikation ändert sich die tagespolitische Agenda, Verantwortliche wechseln, Budgets entfallen. Pläne sind wichtig – aber können in der Komplexität unserer Realität nur ein Gerüst sein. Dann braucht es Gelassenheit und die Fähigkeit, im Moment zu reagieren. Wer improvisieren kann, zeigt nicht nur Professionalität, sondern auch Vertrauen in sich und in das Team.

Nie ohne mein interdisziplinäres Ensemble

Dieses Vertrauen speist sich vor allem aus Teamarbeit. Kein Theaterstück entsteht allein durch die Schauspielenden. Technik, Regie, Kostüm, Maske, Bühnenbau – alles greift ineinander. Genauso in der politischen Kommunikation: Konzeption, Recherche, Design, Social Media, Organisation, Moderation. Unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Kompetenzen, ein gemeinsames Ziel.

Die Erkenntnis, dass man nichts im Leben allein lösen kann – und sollte – kann heilend sein. Interdisziplinarität ist im Kontext eines Theaterstücks oder eines Projekts der politischen Kommunikation deshalb kein Modewort, sondern gelebter Alltag. Und oft auch ein kleines Wunder.

Geld erfordert Haltung

Und dann ist da noch das liebe Geld. Oder besser: das meistens zu knappe davon. Amateurbühnen kämpfen um Zuschauerzahlen, um Sichtbarkeit, ums Überleben – zuletzt berichtete die Tageschau und der rbb darüber. Viele arbeiten mit beeindruckendem Engagement und großem Einsatz, um mit begrenzten Mitteln das Unmögliche möglich zu machen. In der politischen Kommunikation sieht es ähnlich aus: Große Werbebudgets aus der Wirtschaft sind meist unerreichbar, konkurriert wird trotzdem mit professionellen Hochglanzkampagnen. Im Gegensatz zum Amateurtheater sollte daraus jedoch nicht die logische Schlussfolgerung nach mehr Mitteln, sondern eine klare Haltung abgeleitet werden.

Öffentliche Gelder verlangen Verantwortung. Kreativität entsteht hier nicht trotz, sondern wegen begrenzter Mittel. Für beides gilt: Wirkung entsteht nicht durch teure Effekte, sondern durch Nähe, Glaubwürdigkeit und ernsthaftes Interesse am Gegenüber.

Die Relevanz des Irrelevanten

Am Ende laufen beide Welten auf etwas Größeres hinaus. Sowohl Amateurtheater als auch politische Kommunikation leisten einen Beitrag zur Demokratie. Das eine schafft niedrigschwellige Räume für Kultur, Begegnung und Austausch im Kiez. Das andere sorgt dafür, dass Informationen zugänglich werden, dass Prozesse verständlich bleiben, dass Vertrauen wachsen kann. Beide arbeiten oft im Hintergrund, oft unter Druck, oft mit zu wenig Anerkennung – und doch mit großer Verantwortung. Trotz und weil beides bedeutet, dass ein ungeheures Maß an Leidenschaft hinter jedem einzelnen Menschen steckt, der seinen kleinen Beitrag leistet.

Vielleicht ist es genau diese Leidenschaft, die Theaterbühne und Konzeptpräsentation verbindet. Der Wunsch, Menschen zu erreichen. Der Mut, in einer viel zu übersteuerten Welt für Sichtbarkeit wichtiger Themen zu sorgen. Die Bereitschaft, mit Haltung Verantwortung zu übernehmen. Und die Überzeugung, dass jede gute Szene und jede gelungene Kommunikation politischer Themen ein kleines Stück Öffentlichkeit gestaltet.

Wenn also wieder das Licht angeht, das Mikrofon getestet wird und jemand tief Luft holt, lohnt es sich, kurz innezuhalten. Vielleicht beginnt gerade ein Theaterstück. Vielleicht eine Präsentation. Vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, weil es Größeres gibt als den Moment. Und vielleicht ist genau das der Zauber, der beidem innewohnt.

Der Autor dieses Artikels empfiehlt einen Besuch des Theaterstücks „Sterben ist auch nicht das, was es mal war“, aufgeführt durch die Amateurbühne Vineta 1900 e.V., am 21. und 22. März 2026 in der Neuköllner Oper.

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