Es beginnt mit einem leisen Knistern. Dann ein Bläserakkord, warm, fast sakral. Ein paar Sekunden Musik, die sich wiederholen. Immer und immer wieder. Zunächst scheint sich kaum etwas zu verändern. Das Motiv bleibt dasselbe. Erst nach einer Weile bemerkt man, dass etwas fehlt. Eine Kontur wird unschärfer, ein Ton verschwindet, das Rauschen wird stärker. Die Musik läuft weiter, aber sie ist nicht mehr dieselbe.
William Basinskis The Disintegration Loops gehören zu den eindringlichsten musikalischen Arbeiten über Vergänglichkeit, obwohl sie ursprünglich gar nicht als solche geplant waren. Als Basinski Anfang der 2000er Jahre alte Bandschleifen aus den Achtzigern digitalisierte, begann sich die Magnetschicht der gealterten Tonbänder beim Abspielen vom Trägermaterial zu lösen. Mit jeder Umdrehung zerstörte die Wiedergabe ein wenig von dem, was sie bewahren sollte. Die Musik zerfiel im Moment ihrer Reproduktion.
Vielleicht gibt es kaum ein treffenderes Bild für den Zustand unserer Demokratien.
Denn Demokratien zerfallen selten mit einem Paukenschlag. Sie verschwinden nicht unbedingt in einem Staatsstreich, und ihre Institutionen brechen nicht von heute auf morgen zusammen. Parlamente tagen weiter. Ministerien arbeiten. Wahlen finden statt. Parteien beschließen Programme. Politiker halten Reden. Kampagnen werden entwickelt. Talkshows werden ausgestrahlt. Statements veröffentlicht. Das Band läuft.
Und trotzdem verändert sich etwas.
Wir haben uns daran gewöhnt, die Krise der Demokratie an ihren spektakulärsten Erscheinungen zu beobachten: am Aufstieg der AfD, an Donald Trump, an autoritären Bewegungen in Europa, an Verschwörungserzählungen, Hassrede, Desinformation und der Radikalisierung digitaler Öffentlichkeiten.
Das alles ist real. Aber vielleicht schauen wir zu sehr auf das Geräusch und zu wenig auf das Material. Denn der Erfolg rechter und autoritärer Kräfte ist nicht die Demokratiekrise selbst. Er ist auch ein Symptom dafür, dass demokratische Institutionen, Parteien und Erzählungen für einen wachsenden Teil der Gesellschaft ihre Bindekraft verlieren.
Joseph Vogl hat beschrieben, wie sich neben den klassischen politischen Institutionen neue, schwer greifbare Machtformen herausgebildet haben, die sich parlamentarischer Kontrolle zumindest teilweise entziehen. Plattformen strukturieren Öffentlichkeit. Märkte begrenzen politische Handlungsspielräume. Algorithmen entscheiden über Sichtbarkeit. Private Infrastrukturen übernehmen Funktionen, die früher staatlich oder öffentlich organisiert waren. Gleichzeitig geschieht etwas weniger Spektakuläres und vielleicht Grundsätzlicheres: Das demokratische Versprechen verliert für Teile der Gesellschaft seine Erfahrbarkeit.
Denn Demokratie ist auf Dauer kein hinreichendes Versprechen an sich. Man kann Menschen sagen, dass sie in einer Demokratie leben. Man kann ihnen erklären, dass ihre Institutionen funktionieren. Man kann sie daran erinnern, dass sie wählen dürfen, dass Gerichte unabhängig sind, dass Gewaltenteilung ein hohes Gut ist und dass die liberale Demokratie gegen ihre Feinde verteidigt werden muss. All das ist richtig. Aber jedes Versprechen nutzt sich ab, wenn es sich nicht mit Erfahrung verbindet.
Wer den Eindruck hat, dass die eigene Arbeit kaum noch ein gutes Leben ermöglicht, dass Wohnen unbezahlbar wird, Infrastruktur verfällt, sozialer Aufstieg unwahrscheinlicher wird oder politische Entscheidungen mit der eigenen Lebenswirklichkeit wenig zu tun haben, erlebt Demokratie zunächst nicht als Verfassungsprinzip. Er erlebt sie als konkrete Ordnung seines Alltags.
Demokratie muss deshalb nicht nur normativ richtig sein. Sie muss etwas bereithalten: Sicherheit. Teilhabe. Anerkennung. Selbstwirksamkeit. Die begründete Aussicht darauf, dass das eigene Leben und das der eigenen Kinder besser werden kann. Wo diese Erfahrung schwindet, beginnt das Material spröde zu werden.
Das Faszinierende an Basinskis Loops ist deshalb nicht nur ihr Zerfall. Es ist die paradoxe Ursache dieses Zerfalls. Das Band geht nicht kaputt, weil es nicht mehr abgespielt wird. Es geht kaputt, weil es abgespielt wird. Die Wiederholung selbst trägt zur Zerstörung bei.
Genau darin liegt vielleicht die unangenehmste Parallele zur politischen Kommunikation unserer Gegenwart. Je stärker die Demokratie unter Druck gerät, desto häufiger beschwören wir die Demokratie. Je stärker Vertrauen schwindet, desto häufiger sprechen wir über Vertrauen. Je größer die gesellschaftliche Distanz wird, desto häufiger fordern wir Zusammenhalt. Je stärker rechte Kräfte werden, desto eindringlicher erklären wir, warum rechte Kräfte gefährlich sind.
Demokratie. Vielfalt. Zusammenhalt. Haltung. Respekt. Noch eine Runde.
Natürlich sind diese Begriffe nicht falsch. Im Gegenteil. Gerade deshalb ist das Problem so schwer zu erkennen. Denn Begriffe verlieren ihre Bedeutung nicht nur dadurch, dass man sie bekämpft. Sie können auch dadurch an Bedeutung verlieren, dass man sie unablässig wiederholt, ohne dass sich die mit ihnen verbundenen Erfahrungen erneuern. Dann wird aus demokratischer Selbstvergewisserung ein Loop. Und irgendwann hören vor allem noch diejenigen zu, die den Text ohnehin kennen.
Das ist ein Gedanke, der für jemanden, der selbst seit vielen Jahren mit politischer Kommunikation arbeitet, nicht besonders bequem ist.
Wir haben gelernt, gesellschaftliche Probleme kommunikativ zu bearbeiten. Wenn Vertrauen sinkt, entwickeln wir eine Vertrauenskampagne. Wenn Menschen Institutionen nicht verstehen, erklären wir Institutionen. Wenn eine Reform auf Widerstand stößt, optimieren wir ihre Vermittlung. Wenn Rechtspopulisten eine Erzählung besetzen, suchen wir nach einem Gegennarrativ. Wenn gesellschaftlicher Zusammenhalt schwindet, starten wir einen Dialog.
Daran ist zunächst nichts verkehrt. Kommunikation ist eine Bedingung demokratischer Politik. Problematisch wird es dort, wo Kommunikation nicht mehr politische Handlung begleitet, sondern ihre Abwesenheit kompensieren soll. Wo wir Sichtbarkeit mit Wirksamkeit verwechseln. Reichweite mit Resonanz. Verständlichkeit mit Zustimmung. Beteiligungsformate mit Beteiligung. Und wo wir beginnen zu glauben, ein gesellschaftlicher Konflikt sei deshalb bearbeitet, weil wir eine kommunikative Form für ihn gefunden haben.
Für Institutionen ist das verführerisch. Denn Kommunikation lässt sich herstellen. Kampagnen können ausgeschrieben, Botschaften getestet, Formate entwickelt, Reichweiten gemessen werden. Kommunikation produziert Aktivität in Situationen, in denen die politischen Ursachen eines Problems sehr viel schwerer zu verändern sind. Sie erzeugt das beruhigende Gefühl, etwas getan zu haben.
Doch vielleicht liegt genau darin eine der Disintegration Loops unserer Gegenwart: Je weniger Politik als wirksam erlebt wird, desto stärker versucht sie, ihre Wirksamkeit zu kommunizieren. Je stärker sie ihre Wirksamkeit kommuniziert, ohne dass diese im Alltag erfahren wird, desto weniger glaubwürdig wird ihre Kommunikation. Und je weniger glaubwürdig ihre Kommunikation wird, desto größer wird der Bedarf nach noch mehr Kommunikation.
Das Band läuft weiter. Und mit jeder Runde verliert das Signal etwas an Substanz.
Vielleicht haben wir auch deshalb zu lange an der falschen Stelle nach Antworten gesucht. Demokratische Bindung entsteht nicht erst im Parlament. Und sie zerbricht auch nicht erst an der Wahlurne. Sie entsteht vorher.
Am Arbeitsplatz. In der Schule. Im Sportverein. Im Bus. In der Nachbarschaft. Beim Abendessen. Auf TikTok. Im Fußballstadion. Im Wartezimmer. In der Erfahrung mit einer Behörde. In der Frage, wer sich eine Wohnung leisten kann. In dem Gefühl, ob die eigene Arbeit gesehen wird. In den Geschichten, die Menschen darüber erzählen, wer in dieser Gesellschaft gewinnt, wer verliert und warum.
Hier entstehen jene Deutungsmuster, mit denen Menschen später auf Politik schauen. Nicht als fertige politische Überzeugungen, sondern als Vorstellungen davon, was normal ist. Was gerecht ist. Wer „wir“ sind. Wem man vertrauen kann. Wer dazugehört. Wer gehört wird. Und wer offenbar nicht. Politische Kommunikation kommt häufig erst danach. Und dann wundert sie sich, dass ihre Botschaften nicht durchdringen.
Vielleicht besteht einer unserer grundlegenden Irrtümer darin, gesellschaftliche Entfremdung als Informationsproblem zu behandeln. Als hätten Menschen die Demokratie nur noch nicht richtig verstanden. Als müssten wir ihre Vorteile besser erklären. Als fehle uns lediglich die richtige Botschaft. Aber Menschen leben nicht in Botschaften. Sie leben in Verhältnissen.
Dazu gehört eine weitere unbequeme Wahrheit. Das progressive, akademische, großstädtische Milieu, das die liberale Demokratie besonders entschieden verteidigt, ist selbst ein Milieu. Mit eigenen ästhetischen Codes, einer eigenen Sprache, eigenen Konsumgewohnheiten, eigenen Orten und einer eigenen Vorstellung davon, was als vernünftig, modern, aufgeklärt oder peinlich gilt.
Das ist zunächst banal. Jede gesellschaftliche Gruppe entwickelt solche Codes. Problematisch wird es dort, wo ein Milieu seine eigene Perspektive nicht mehr als Perspektive erkennt, sondern mit gesellschaftlicher Vernunft verwechselt. Dann wird aus kultureller Differenz schnell ein moralisches Gefälle.
Wir lachen über das falsche Auto, den falschen Urlaub, die falsche Sprache, das falsche Essen, den falschen Vorgarten. Wir erkennen Distinktion überall – außer in unserem eigenen Verhalten. Und wundern uns anschließend über Entfremdung.
Vielleicht ist die Krise der demokratischen Kommunikation deshalb auch eine Krise gesellschaftlicher Wahrnehmung. Wir erreichen Menschen nicht deshalb nicht, weil unsere Kampagnen schlecht genug wären. Sondern weil wir manche Lebenswelten nur noch als Zielgruppen kennen.
Wir erforschen sie. Wir segmentieren sie. Wir befragen sie. Wir entwickeln Personas. Aber wir teilen ihre Erfahrungen nicht mehr. Das lässt sich nicht mit einer besseren Headline reparieren.
Die liberale Öffentlichkeit reagiert darauf häufig mit noch mehr Vernunft. Faktenchecks. Erklärstücke. Einordnungen. Studien. Appelle.
Auch hier gilt: All das ist notwendig. Und all das kann trotzdem unzureichend sein. Denn politische Auseinandersetzungen werden nicht nur um Fakten geführt. Sie werden darum geführt, welche Fakten überhaupt Bedeutung bekommen.
Narrative sind deshalb keine hübscheren Verpackungen politischer Inhalte. Sie sind Ordnungen von Wirklichkeit. Sie verbinden Ereignisse miteinander. Sie bestimmen Ursache und Wirkung. Sie verteilen Rollen. Sie erzählen, wer Opfer ist, wer Täter, wer Held und wer Schuldiger. Wer über Narrative verfügt, verfügt deshalb nicht über bessere Slogans. Er verfügt über Deutungsmacht.
Vielleicht erklärt das einen Teil des Erfolgs der politischen Rechten. Sie hat verstanden, dass Politik nicht erst dort beginnt, wo über politische Maßnahmen gesprochen wird. Sie arbeitet an kulturellen Selbstverständlichkeiten, an Sprache, Affekten und Identitäten. Sie besetzt den vorpolitischen Raum. Die demokratische Mitte antwortet darauf noch zu häufig mit Kommunikation über Politik. Die einen verändern die Grammatik. Die anderen formulieren bessere Sätze.
Basinski stellte seine Loops im Sommer 2001 fertig. Am Morgen des 11. September beobachtete er von seinem Dach in Brooklyn die rauchende Skyline von Manhattan, während die Musik lief. Später verbanden sich die Aufnahmen und Bilder miteinander.
Dadurch bekamen The Disintegration Loops eine historische Bedeutung, die in ihrer Entstehung nicht angelegt gewesen war. Heute lässt sich der 11. September auch als Beginn einer langen politischen Epoche lesen: War on Terror, Afghanistan, Irak, Finanzkrise, Eurokrise, Fluchtbewegungen, Brexit, Trump, Pandemie, Krieg in Europa, Inflation, geopolitische Neuordnung.
Aber vielleicht ist die Aufzählung der Krisen weniger interessant als ihre Sedimente. Denn Gesellschaften bestehen nicht nur aus Ereignissen. Ereignisse lagern sich ab. Misstrauen lagert sich ab. Enttäuschung lagert sich ab. Erfahrungen politischer Ohnmacht lagern sich ab.
Und irgendwann reicht ein neues Ereignis, um all diese älteren Schichten wieder hörbar zu machen. Auch deshalb greift die Vorstellung zu kurz, man müsse lediglich die nächste Krise besser kommunizieren. Es geht längst nicht mehr um die nächste Krise. Es geht um das Material.
Basinskis Musik bietet keine Erlösung. Kein Crescendo. Keine Katharsis. Kein orchestrales Finale. Der Loop läuft, bis er sich aufgelöst hat.
Genau deshalb wäre es zu einfach, aus The Disintegration Loops am Ende doch noch eine versöhnliche Metapher zu machen. Nach dem Motto: Wir müssen nur genauer hinhören, neue Klänge finden, Demokratie neu erzählen. Vielleicht reicht auch das nicht mehr.
Vielleicht müssen wir zunächst akzeptieren, dass manche unserer demokratischen Erzählungen ihre Bindekraft verloren haben. Nicht weil Demokratie falsch geworden wäre. Sondern weil die bloße Wiederholung ihrer Begriffe nicht mehr genügt. Eine Demokratie kann nicht dauerhaft davon leben, dass sie Demokratie ist. Sie muss erfahrbar machen, warum es einen Unterschied macht, in ihr zu leben.
Und politische Kommunikation kann diesen Unterschied sichtbar machen. Sie kann ihn übersetzen. Sie kann Erfahrungen miteinander verbinden, Konflikte verständlich machen, Zukunft vorstellbar machen. Aber sie kann ihn nicht ersetzen.
Das ist vielleicht die Grenze, über die wir in unserem Beruf zu selten sprechen. Wir können keine gesellschaftliche Bindung herbeikommunizieren, die politisch und sozial nicht mehr hergestellt wird. Wir können fehlende Selbstwirksamkeit nicht mit Beteiligungskampagnen kompensieren. Wir können mangelnde Anerkennung nicht durch wertschätzende Sprache ersetzen. Und wir können Menschen nicht dauerhaft davon überzeugen, dass eine Ordnung für sie funktioniert, wenn ihre alltägliche Erfahrung ihnen etwas anderes erzählt.
Vielleicht beginnt eine neue demokratische Kommunikation deshalb nicht mit der Frage: Was müssen wir den Menschen sagen? Sondern: Was müssten Menschen erleben, damit das, was wir sagen, wieder wahr klingt?
Das wäre eine radikale Verschiebung. Von der Botschaft zur Erfahrung. Von der Reichweite zur Beziehung. Von der Kommunikation politischer Wirksamkeit zur Wirksamkeit von Politik.
Und vielleicht auch von der Vorstellung, wir müssten den Menschen die Demokratie immer wieder erklären, zu der sehr viel unbequemeren Frage, was diese Demokratie tun muss, um für sie wieder Bedeutung zu bekommen. Bei Basinski bleibt am Ende kein Motiv mehr. Nur Rauschen. Die Versuchung besteht darin, darin etwas Romantisches zu hören. Einen Neubeginn. Eine leere Fläche, auf der etwas Neues entstehen kann. Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns diesen Trost leisten sollten.
Vielleicht besteht die Aufgabe nicht darin, im Zerfall bereits die Schönheit des Neuen zu entdecken. Vielleicht besteht sie zunächst darin, den Zerfall überhaupt zu hören.
Und dann den Mut zu haben, das Band anzuhalten.




