Euer Netzwerk bietet Argumentations- und Handlungstrainings gegen Rechts, Diskriminierung und Sexismus an. Wie kann ich mir das Training vorstellen?
Wir gestalten jedes Training individuell. Es gibt Schnuppertrainings, die vier Stunden dauern, Trainings, die einen ganzen Tag füllen und die Möglichkeit, ein komplettes Wochenende zu trainieren. Trotzdem haben wir natürlich ein grobes Konzept, an dem wir uns orientieren. Fester Bestandteil sind zum Beispiel der Austausch über eigene Erfahrungen und Befürchtungen, aber eben auch der interaktive Part. Das heißt, wir zeigen den Teilnehmer*innen Kommunikations- und Argumentationstechniken, die sie dann in einem geschützten Raum ausprobieren können. Das Üben ist nämlich wichtig, um zu lernen, sich zu überwinden.
Lass uns doch direkt von der Theorie in die Praxis übergehen. In welchen Situationen ist es wichtig, einzugreifen?
Aus einem solidarischen Grundgedanken heraus finde ich: Man sollte immer eingreifen. Natürlich ist das oft leichter gesagt als getan. Besonders, wenn sich die Situation in der Familie, im Freundeskreis oder auf der Arbeit abspielt. Viele Menschen denken, dass sie Fachwissen brauchen, um sich äußern zu können und schweigen dann lieber. Aber genau dieses Schweigen ist problematisch, denn es wirkt nach außen wie eine Zustimmung oder wenigstens als Signal der Akzeptanz. Und Menschen, die diskriminierende Aussagen von sich geben, sollen ja nicht darin ermutigt werden. Einzugreifen bedeutet, sich für seine eigene Haltung und seine Werte einzusetzen. Dafür braucht es keine Fachexpertise. Manchmal reicht schon ein kleines: „Ich finde das, was du da sagst, nicht okay.“
Viele Menschen denken, dass sie Fachwissen brauchen, um sich äußern zu können und schweigen dann lieber. Aber genau dieses Schweigen ist problematisch, denn es wirkt nach außen wie eine Zustimmung oder wenigstens als Signal der Akzeptanz.
Aber es gibt sicher auch Momente, in denen es besser ist, nicht zu argumentieren und sich zurückzuhalten, oder?
Ja, natürlich. Jede Situation ist unterschiedlich und es spielen immer viele Faktoren eine Rolle. Bin ich von der diskriminierenden, sexistischen Aussage selbst betroffen und tief verletzt? Dann kann es dem Selbstschutz dienen, sich erst einmal zurückzuhalten. Geht die Situation vielleicht von meiner Chefin oder meinem Chef aus? Dann kann es sinnvoll sein, etwas später und sortiert noch einmal das Gespräch zu suchen. Und wenn sich das Ganze im öffentlichen Raum und in einer aggresiv aufgeladenen Situation abspielt, ist auch hier Selbstschutz ein wichtiges Schlüsselwort.
Kann ich als Einzelperson in solchen potenziell gefährlichen Settings trotzdem Zivilcourage zeigen, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen?
Das lässt sich schwer pauschalisieren. Aber es gibt auch in solchen Situationen Wege, um zu helfen, ohne sich selbst zu gefährden. Zum Beispiel, indem ich den Fokus von der aggressiven Person nehme und auf diejenigen richte, die von den Anfeindungen betroffen sind: „Brauchst du irgendwas?“, „Wie geht es dir gerade?“ oder „Hey – ich finde es nicht okay, dass so mit dir umgegangen wird.“ All das kann schon helfen. Hauptsache, die betroffene Person wird damit nicht allein gelassen. Eine gute Idee ist auch, sich mit anderen zusammenzutun – am besten durch eine direkte Ansprache: „Hey du, mit der schwarzen Mütze, lass uns da mal bitte hingehen und helfen.“
Ich habe bei mir selbst oft festgestellt, dass ich auch in nicht bedrohlichen Situationen wie blockiert bin und dann nicht meinen Impulsen folge. Hast du Tipps, wie ich künftig leichter ins Handeln komme?
Das geht vielen Leuten so. Genau deshalb bieten wir unsere Trainings an. Denn das ist alles eine Frage der Übung. Je öfter man sich traut, etwas zu sagen, desto leichter fällt es auch. Zum Üben eignen sich natürlich weniger bedrohliche Szenarien am besten – zum Beispiel bei blöden Sprüchen an der Kasse im Supermarkt oder auf der Arbeit. Mir persönlich hilft es, dass ich vor dem Argumentieren zwei Leitfragen im Kopf durchgehe: Erstens: Wen will ich gerade erreichen? Die Person, die etwas geäußert hat oder andere, möglicherweise betroffene Personen? Und zweitens: Was kann ich damit gerade erreichen? Manchmal bleibt einem nur, die eigene Haltung deutlich zu machen. Und das dann am besten in der Reihenfolge: atmen, fokussieren und dann kommunizieren. Gerne auch mit einem für solche Fälle vorbereiteten Satz. Und sei es „nur“ ein: „Ich sehe das anders als du.“
Wenn es über diesen Satz hinaus zu einer Konversation oder einem Disput kommt – wie baue ich meine Argumentation am besten auf?
Es gibt unzählige Techniken. Welche davon zum Einsatz kommt, hängt auch davon ab, wer mein Gegenüber ist und ob die Person überhaupt an einem Austausch interessiert und Argumenten zugänglich ist. Geht es nur ums Pöbeln, hilft auch alles Argumentieren nicht. Eine Technik, die wir fast immer lehren, ist der Fünfsatz. Der Aufbau ist ziemlich simpel. Ein Satz als Einleitung, der sagt, worum es geht, drei Sätze gefüllt mit Argumenten und ein letzter Satz als Appell. Damit lässt es sich gut üben. Gerne auch erst einmal schriftlich, zum Beispiel im Familien-Chat. Davon abgesehen ist aber sehr wichtig zu wissen: Egal, wie viele Techniken man kennt, egal, wie oft man seine Rhetorik trainiert – es gibt nie eine Garantie dafür, wie es bei den anderen Personen ankommt. Schlussendlich geht es viel mehr darum, seine eigene Position gut zu vertreten und Impulse mitzugeben. Entscheidend ist nicht, dass die andere Person sagt: „Oh, du hast recht. Jetzt sehe ich das auch so.“ Viel wichtiger finde ich, dass wir mit unserem Handeln Denkprozesse anstoßen können. Denn Meinungsbildung ist ein langwieriger Prozess.
Wenn ich diskutiere, übernehmen oft meine Emotionen. Ich nehme das als sehr hinderlich wahr, weil ich deshalb oft Argumente vergesse. Sind Emotionen in solchen Momenten nützlich oder ein Nachteil?
Im Nachhinein zu denken, „Hätte ich mal lieber noch das und das gesagt“, ist ganz normal. Trotzdem ist es schon ein Erfolg, wenn man es schafft, überhaupt etwas zu sagen. Viel wichtiger ist, sich nach der Situation noch einmal selbst zu reflektieren, um manche Sachen beim nächsten Mal anders machen zu können. Und wenn die Emotionen nicht gerade dazu führen, dass man in eine Schockstarre verfällt, sind sie ein guter Motor. Denn sie motivieren dann viel eher zum Handeln. Mit Leidenschaft und Impulsivität für seine Werte einzustehen, kann manchmal eine viel größere Wirkung erzielen. Wenn die Emotionen dann doch überhandnehmen, hilft es auch, die Situation kurz zu verlassen, um sich zu sammeln. Den Raum wahrzunehmen und sich auf seinen eigenen Stand zu konzentrieren, bringt wieder Ruhe in das eigene System. Was aber ein generell guter Tipp ist: Man sollte die eigenen Emotionen zur Grundlage der Argumentation machen. Also so etwas wie: „Das, was du da gerade gesagt hast, macht mich total wütend, weil …“
Wenn Emotionen nicht gerade dazu führen, dass man in eine Schockstarre verfällt, sind sie ein guter Motor. Denn sie motivieren zum Handeln.
Gibt es, abgesehen von überwältigenden Emotionen, typische Fehler, die Menschen machen, wenn sie argumentieren?
Ich beobachte oft, dass viele Menschen rechten Parolen, Sexismus und anderen Formen von Diskriminierung zu viel Raum gewähren, bevor sie etwas sagen. Auch Nachfragen wie: „Wie meinst du das?“ sind kontraproduktiv und schaffen zu viel Bühne. Besser wäre es, direkt eine klare Grenze zu setzen und zu sagen: „Das geht für mich gar nicht.“ Und dabei ist es auch wichtig, sich nicht auf ein endloses Fakten-Ping-Pong einzulassen, sondern das Gespräch über die eigene Meinung zu beenden und klare Kante zu zeigen. Das größte Hindernis ist jedoch oft die eigene Erwartungshaltung. Also das Denken in Richtung „Gewinnen“ oder „Verlieren“, im Sinne von „Die andere Person muss kleinbeigeben“. Es geht, wie schon gesagt, um das Vertreten der eigenen Haltung und um das Anstoßen von Reflexionsprozessen.
Was würdest du Menschen raten, die sich aktiv gegen Rechts, Sexismus, Hass und Hetze einsetzen wollen, aber Angst vor möglichen Konsequenzen haben?
Zuerst würde ich sie fragen, welche Konsequenzen sie befürchten und sie dann bitten diese gegen die Konsequenzen abzuwägen: Welche Folgen hätte es, wenn sie sich nicht engagieren würden? Was würde es bedeuten, in einer Gesellschaft zu leben, die immer weiter nach rechts rückt und immer unsolidarischer wird? Das relativiert sehr viel. Und sollte es hart auf hart kommen, zum Beispiel dadurch, dass die Privatadresse im Internet auftaucht, gibt es zahlreiche Beratungsstellen und Stiftungen, die ihre Unterstützung anbieten und beispielsweise auch Anwaltskosten übernehmen. Doch solche Fälle sind wirklich selten. Eine viel realistischere Konsequenz ist es, dass es bei Freundes- und Familientreffen zu mehr Diskussionen kommt. Denn Engagement und Courage spielt sich oft im Kleinen ab. Außerdem hilft es, sich lokal zu vernetzen, Verbündete zu finden und dort auch offen mit seinen Ängsten umzugehen.
Anne W. hat Kultur- und Kommunikationswissenschaften studiert und arbeitet seit 2014 ehrenamtlich für das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC). Das bundesweite Netzwerk lebt vom Engagement vieler junger Menschen, die sich für Demokratieförderung und gegen menschenverachtendes Denken einsetzen. In diesen Themenfeldern verfügt das NDC über ein vielfältiges Angebot von Projekttagen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis hin zu Fortbildungen und Beratungsformaten für Mitarbeitende und Engagierte aus Bildungseinrichtungen, Vereinen, Verbänden und Unternehmen. Im ersten Quartal 2025 erreichte die Organisation über 6.100 Projekttags- und Workshop-Teilnehmende.




