Schutzschild Display

Von Ann-Kristin Rink am 09. November 2017

Soziale Medien haben unsere Dialoge verändert. Nicht nur die großen Debatten um Hate Speech und Fake News spielen dabei eine Rolle – auch im Kleinen und Privaten sprechen wir anders miteinander: drei Beobachtungen aus dem Alltag.

Beobachtung 1: Wir können kaum noch von Angesicht zu Angesicht.

Wir – die Digitalen – können vieles richtig gut. Snapchatfilter auswählen zum Beispiel, erfolgreiche Hashtags bei Instagram setzen oder beim Fahrradfahren gleichzeitig Spotify und What’s App benutzen. Aber wie sieht es aus mit analogem, direktem Dialog? Sind wir darin auch so gut? Den Beziehungsstreit im persönlichen Gespräch überwinden – samt Tränen, fliegenden Tellern und Versöhnung, statt mit wütenden Emojis und Sprachnachrichten um uns zu werfen. Mit der Familie beim Abendessen über Politik streiten, statt jeden Gedanken vorformuliert in die eigene Facebook-Filterblase zu schieben. Sich im Restaurant direkt beim Kellner über die kalte Lasagne beschweren, statt nachher anonym eine schlechte Bewertung zu schreiben. Ohne das Display als Schutzschild ist das manchmal gar nicht so einfach, zumindest ungewohnt. So ungewohnt, dass eine Partei ihren Mitgliedern sogar ein Seminar anbietet unter dem Titel „Face-to-face: Offline kommunizieren im Wahlkampf“. Müssen wir wieder lernen, direkt miteinander zu sprechen?

Beobachtung 2: Unsere Dialoge sind eine große Show.

Im Internet kommunizieren wir kaum noch unter zweien. Die Liebeserklärung auf der Facebook-Pinnwand des Partners, die Diskussion in den Kommentaren unter dem Artikel von Spiegel Online, das Gespräch in der What’s-App-Gruppe mit 25 Mitgliedern, das eigentlich nur für zwei relevant ist – oft wollen wir gar nicht dem Adressaten unserer Nachricht selbst etwas mitteilen, sondern den Schaulustigen. Unsere Gespräche finden im Schaufenster statt und das ist uns bewusst! Selbst bei Privatnachrichten gehen wir davon aus, dass der BND, Mark Zuckerberg oder Wladimir Putin persönlich mitlesen könnten, wenn sie wollten. Stören wir uns daran? Oder ist es nicht genau das, was wir wollen: uns profilieren, der Welt zeigen, wie wir gesehen werden wollen, unser Revier markieren und Anerkennung finden?

Beobachtung 3: Wir merken gar nicht, wenn man uns veräppelt.

Der Support-Chat beim Telekommunikationsanbieter – sitzt da eigentlich ein Mensch, oder antwortet ein ausgeklügelter Algorithmus? Sprechen wir mit Maschinen, ohne es zu merken? Der Gedanke scheint uns Angst zu machen. So viel Angst, dass sich innerhalb weniger Wochen gleich zwei Folgen des ARD-Tatorts damit beschäftigt haben, wie künstliche Intelligenz sich verselbstständigt und die Kommissare an der Nase herumführt. Völlig absurd, oder!? Sicherheitshalber testen wir unseren Chatpartner mit einer Scherzfrage: „Wem gehören meine Socken?“ Die Antwort „wie kann ich Ihnen sonst noch weiterhelfen?“ hilft auch nicht weiter. Könnte ein besonders humorloser Servicemitarbeiter sein. Oder eben ein Algorithmus, der das als Standardantwort auf unbekannte Fragen einprogrammiert bekommen hat. Wer kann das schon mit Sicherheit sagen?