Dialog auf Augenhöhe

Von Katharina Ferber am 09. November 2017

Als Agentur für gesellschaftliche Themen ist neues handeln immer wieder an Dialog-Projekten beteiligt. Aber wie bringt man Menschen überhaupt ins Gespräch? Was sind die Voraussetzungen und wo liegen die Grenzen? Was ist mit der viel zitierten Augenhöhe gemeint? Wir wollten es genau wissen und haben zwei Dialoger gebeten, uns Auskunft zu geben: Tobias Löser und Stefan Frindt, die bei neues handeln Stakeholder- und Multiplikatorendialoge initiieren.

Dialog erwartet man ja von einer Kommunikationsagentur. Also was ist an den Dialogprozessen, die ihr steuert, so besonders?

Stefan Frindt: Das Entscheidende ist, einen Austausch über Erfahrungen und Lösungsansätze zu ermöglichen. Bei der Servicestelle SGB II, die wir im Auftrag des BMAS betreuen, liegt der Fokus beispielsweise darauf, Beschäftigte der Jobcenter zu vernetzen und ins Gespräch zu bringen. Sie haben alle die gleiche Aufgabe, aber ihre Herausforderungen sind je nach Region komplett andere. Und ihre Ideen und Lösungen auch. So können die einen von den anderen lernen. Dialog schafft Erkenntnis, bringt also echten Gewinn für alle.

Tobias Löser: Erkenntnisgewinn ist ein entscheidendes Stichwort. Partizipation möchte ich als ein zweites ergänzen. Darum ging es bei den Stickstoffdialogen, die wir im Auftrag des Umweltbundesamtes durchgeführt haben. Unser Auftrag war, im Vorfeld einer geplanten nationalen Stickstoffminderungsstrategie alle beteiligten Akteure – vom Agrar- bis zum Umweltverband – ins Boot zu holen. Stickstoff belastet die Umwelt massiv, und letztlich ist allen klar, dass die Einträge reduziert werden müssen. Doch über den Umfang und die Wege einer solchen Reduktion gehen die Ansichten gewaltig auseinander. Der Gedanke war daher: Um die Chancen zu erhöhen, das politische Vorhaben einer Stickstoffminderungsstrategie auch tatsächlich auf den Weg zu bringen, müssen alle betroffenen Akteure frühzeitig die Möglichkeit bekommen, ihre Positionen, Vorstellungen und Bedenken einzubringen.

Klingt nach Streit.

Tobias Löser: Wenn der organisierte Schweinezüchter auf den engagierten Umweltschützer trifft, ist das Konfliktpotenzial natürlich hoch. Wir waren selbst gespannt und am Ende überrascht, wie konstruktiv der Dialog verlief – gerade auch zwischen vermeintlich unversöhnlichen Lagern. Man darf nie vergessen: Wer sich die Mühe macht und an einem Dialogformat teilnimmt, zeigt ja bereits prinzipielle Dialogbereitschaft. Dass sich jemand komplett verweigert, habe ich selten erlebt. Ein aktuell laufender Dialogprozess dreht sich um das Thema Digitalisierung für die Initiative Intelligente Vernetzung des BMWi. Spannend hierbei: Wir reden alle ständig über Digitalisierung, aber der Wunsch nach ganz klassischem Austausch „Wie schaffen wir das, wie gehen wir vor, wie lernen wir voneinander?“ ist unter den Beteiligten extrem hoch, dabei spielt Dialog eine zentrale Rolle.

Wann ist ein Dialog erfolgreich?

Tobias Löser: Die Grundvoraussetzung ist aus meiner Sicht, dass das Thema für diejenigen, die am Dialog teilnehmen, wirklich wichtig ist. Hat es Relevanz für sie? Und haben sie eine echte Möglichkeit, über den Dialog Einfluss zu nehmen oder einen wie auch immer gearteten Gewinn für sich herauszuziehen? Ist das gegeben, haben wir schon halb gewonnen.

Stefan Frindt: Richtig, man muss ein Angebot haben, das den Bedürfnissen entspricht, erst dann können wir einen Dialog steuern und moderieren. Und nur so kann auch Kommunikation auf Augenhöhe entstehen – die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Herausforderungen beinhaltet.

Tobias Löser: Wichtig ist auch, dass die Menschen sich für einen wirklichen, erfolgreichen Dialog „ehrlich machen“. Heißt: Keine Wohlfühlthemen, sondern den Mut zu fragen: „Was sind die Knackpunkte? Hürden? Probleme?“ Je besser das gelingt, desto spannender wird der Dialog. Und umso bereiter sind die Menschen, sich daran zu beteiligen.

Welche Rolle spielt dabei das Internet? Hier bietet sich ja reichlich Raum für Dialog.

Tobias Löser: Richtig, ich glaube jedoch nicht, dass die digitale Kommunikation den realen Austausch ersetzen oder gar überflüssig machen kann. Uns stehen viele Medien zur Verfügung, die wir nutzen sollten, um im weiteren Sinne dialogisch zu arbeiten. Es ist unsere Aufgabe, immer mitzudenken, mit welchen Maßnahmen und Angeboten wir realen Dialog unterstützen und begleiten können, und wie wir ihn nachhaltiger machen und dokumentieren.

Stefan Frindt: Jeder muss unabhängig vom Format die Chance haben, sich zu beteiligen. Es muss eine Form der Aktivierung, eine Plattform geben, die es allen Teilnehmenden ermöglicht, sich zu äußern und einzubringen. Wenn wir das nicht umsetzen konnten, haben wir keinen guten Job gemacht.

Tobias Löser: Das geht aber nur, wenn die Menschen sich gut aufgehoben fühlen, so dass sie auftauen und eine Bereitschaft zum Gespräch entwickeln. Das gilt für eine angenehme Raumgestaltung genauso wie für das passende Format. Hier kommt es auch enorm auf die Zielgruppe an. Je nachdem, wie sich der Teilnehmerkreis gestaltet, können eher klassische Dialogformate wie Kleingruppenarbeit oder Worldcafés gut funktionieren, andere Stakeholder sind schon sehr dialogerfahren und experimentierfreudiger. Hier sollte man aber nie überfordern, weniger ist meist mehr.

Womit wir beim Thema Grenzen wären.

Stefan Frindt: Wir müssen vorher klar definieren: Was wollen wir eigentlich? Was sind die Ziele und Leitfragen und wer ist die Zielgruppe? Das ist dann Aufgabe der Moderation, die Debatte gut zu strukturieren und in Bahnen zu lenken, den roten Faden zu spinnen und zu einem guten Ergebnis zu führen.

Tobias Löser: Und wir müssen klarmachen, worauf wir Einfluss haben und worauf nicht. Nichts ist unangenehmer als ein Schein-Dialog, bei dem von vorneherein klar ist, dass er keine faktische Wirkung haben wird. Dann gehen alle nur frustriert nach Hause und das Ganze hat seinen Zweck nicht erfüllt.