Die Welle reiten

Von Nicolas Bilo und Tobias Löser am 14. März 2017

Im Gespräch mit neues handeln sprechen Dirk Baecker und Maike Gosch über Risiken und Nebenwirkungen von Social Media im Online-Wahlkampf. Dirk Baecker ist Soziologe und Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Maike Gosch arbeitet als Kommu­nikat­ions­be­rater­in für Stiftungen und NGOs. 2017 wird sie den Bundestagswahlkampf der Grünen begleiten.

Wird der Bundestagswahlkampf 2017 im Netz entschieden?

Dirk Baecker: Nein, er wird an der Wahlurne entschieden. Aber wir werden uns auf Überraschungen gefasst machen müssen. Wir alle haben unzureichende Erfahrungen mit den Medien des Digitalen, wir befinden uns in einer Lernphase, und kein Mensch kann mit Sicherheit sagen, was genau auf uns zukommen wird. Selbstverständlich ist die Online-Welt sehr wichtig, aber sie steht in einer Relation zur Offline-Welt. Das Stichwort der Blase, der Echokammer, halte ich für hochgradig überschätzt. Ich sehe keine besondere Verführbarkeit, wie sie in manchen aufgeregten Mediennachrichten in den letzten Wochen und Monaten unterstellt wurde.

Maike Gosch: Man neigt dazu, das neue oder unbekannte Medium im Wahlkampf-strategischen Medienmix überzubewerten. Eine Wahlentscheidung wird aber von Lebenserfahrungen, Lebenswelten und Lebensrealitäten beeinflusst. Es geht um Dinge wie sichere Rente oder Miethöhen, wie sicher der Arbeitsplatz ist oder wie es den Kindern in der Schule geht. Das sind die Aspekte, an denen Menschen am eigenen Leib erfahren, wie politische Entscheidungen sich auswirken. Und das darf man nicht ignorieren. Im Netz werden diese Dinge sicher oft verkürzt oder zu emotional diskutiert. Ein bisschen gibt es die Bubble aber schon. Wenn Leute einen Großteil ihrer Nachrichten über soziale Medien gefiltert wahrnehmen und mehr Facebook-Chats als Anne Will konsumieren, dann verzerrt das, mit welchen Themen sie sich beschäftigen.

Sind die Parteien für das, was da kommt, gerüstet?

Gosch: Die digitale Kommunikation ist ein bisschen wie eine Naturgewalt. Jetzt zu sagen, man wäre komplett vorbereitet, würde mich misstrauisch stimmen. Aber man kann sich natürlich aufstellen. Das ist aber nichts, was spontan zwei Monate vor der Wahl aufs Tapet gelegt wird. Online-Kommunikation ist immer etwas Dauerhaftes. Sie wächst über ein paar Jahre und man baut eine Community auf, in der man einen gewissen Ton entwickelt. Aber man kann nicht kontrollieren, wer sich in die Debatten einschaltet und mit welchem Ziel.

Sie sprechen den Ton an. Was kann man gegen die Verschärfung der Tonalität im Netz tun?

Baecker: In jeder Kommunikationssituation muss man moderierend auf die jeweils gewählten Temperamente oder Tonalitäten reagieren. Man muss sie entweder unterbieten oder überbieten, auf jeden Fall darf man nicht genauso reagieren. Denn genau das zwingt das Gegenüber dazu, seinerseits zu reagieren – eine monotone Repetition des Immerselben. Es macht keinen Sinn gegen Hate-Talks zu kommunizieren, denn dadurch wird die Frequenz des Themas gesteigert. Und im Netz verfängt das, was die höchste Ereignisfrequenz hat. Man muss mit einem eigenen Agenda-Setting versuchen, ein anderes Thema so zu lancieren, dass die Frequenz des eigenen Themas die Frequenz des angebotenen Hass-Themas überbietet. Man spricht nicht mit dem Gegenüber, sondern man spricht mit dem Dritten, Vierten, Fünften, Sechsten – mit denen, die bei dem Gespräch zuhören und noch frei sind, sich ihre Meinung zu bilden.

Gosch: Der Diskurs wird erschwert, wenn er vor Publikum stattfindet. Es macht einen angreifbarer und auch verletzbarer, wenn Zuschauer dabei sind. Es ist dann schwieriger, Fehler einzugestehen. In den sozialen Medien sind fast immer Zuschauer dabei, die sehen, wenn wir eine Torte ins Gesicht kriegen; es braucht sehr viel innere Stärke, Souveränität und Humor, um das auszuhalten. Und sich dann vor dem Diskurs nicht wegzuducken. Dann kommt noch eine andere Herausforderung hinzu: Wir kommen mit unser eigenen Agenda nicht durch, wenn wir zu sehr auf die Kritik des Angreifers reagieren, uns verteidigen und erklären müssen, andererseits haben wir aber keine Kommunikation, wenn wir nicht auf die Argumente eingehen und einfach nur weiter bei unseren Aussagen bleiben.

Kann man mit Fakten gegen Hate Speech argumentieren?

Gosch: Die Frage ist, in was für einer emotionalen Situation diese Fakten uns präsentiert werden. Wenn jemand Ihnen sagt: „Ich liebe dich doch, ich bleibe immer bei dir“ – dann muss Ihr Gefühl dazu passen, ihre Erfahrung, ihr Erleben mit dieser Person muss sich mit dieser Aussage decken, sonst können Sie sie nicht annehmen. Wenn jemand sagt: „Deutschland geht es doch wirtschaftlich gut, die Flüchtlinge ändern daran nichts“, Sie das aber aus irgendeinem Grund nicht erleben und fühlen, werden Sie es nicht annehmen. Wenn das Lebensgefühl in Ihrer Welt, sei es in Deutschland, in Ihrer Stadt oder in Ihrem Haus, sich nicht mit den Fakten deckt, dann werden Sie sie ablehnen.

Baecker: Die Leute, die heute mit irgendwelchen Fakten nicht überzeugt werden können, haben den Eindruck, dass Diskussionen, die für sie wichtig wären, an den passenden Stellen in Politik und Wirtschaft nicht geführt werden. Und die Diskussionen, die dort geführt werden, kommen bei diesen Leuten – gerne auch "die einfachen Leute" genannt – nicht an. Man versteht sich nicht. Und je weniger man sich versteht, desto weniger will man sich verstehen. Stattdessen beschuldigt man sich: entweder der Ignoranz des Mobs oder der Ignoranz der Elite. Beides hilft nicht. Aber beides müsste erst einmal abgebaut werden, bevor man sich mit irgendetwas beschäftigen kann, was beide Seiten für "Fakten" halten. Wie kann sich ein Politiker in dieser Situation durchsetzen? Was muss er, muss sie versprechen, damit man ihm oder ihr überhaupt zuhört? Für einen Politiker kann das nichts anderes heißen als zu signalisieren: "Wir sind noch Herr des Geschehens, aber um welches Geschehen es geht, stimmen wir mit euch ab." Und diese Geste wird in Deutschland im Moment von niemandem bedient.

Das klingt, als würde die Haltung der Politikerin oder des Politiker und das politische Profil eher an Bedeutung gewinnen als verlieren?

Gosch: Es war schon immer der Kern von politischem Erfolg, langfristig eine klare Haltung zu haben und diese zu kommunizieren. Auch als Gruppe starke, klare Werte zu vertreten und klare Haltungen zu haben. Ich glaube, dass das im sturmumtosten Aufmerksamkeitschaos der neuen Medien noch wichtiger wird. Baecker: Wir sind in kaum etwas geschickter als darin, Täuschungsversuche zu durchschauen. Und das hat was mit Haltung zu tun, mit Mimik, mit Standing. Es kommt überhaupt nicht darauf an, dass ein Politiker feste Meinungen hat und den Eindruck erweckt, davon nie abzurücken. Uns interessiert, wie eine Person in der Interaktion im Parlament, mit Anwürfen durch Kritiker und mit der Presse umgeht. Daraus leiten wir Vermutungen über Verlässlichkeit und über unser berechtigtes oder unberechtigtes Wählervertrauen ab.

Liegt in den neuen Medien auch eine Chance?

Baecker: Unbedingt. Wir sind mit Stammtischen fertig geworden. Wir werden seit Jahrmillionen mit Gerüchten fertig. Die Politik und die Parteien werden sich radikal ändern müssen und sich auf die Typik dieses neuen, technischen Mediums einstellen – so wie wir gelernt haben, die Sprache für uns zu nutzen und mit Schrift umzugehen. Man muss sich im Flow bewegen können: sich auf den jeweils nächsten Moment konzentrieren – was macht die Welle mit mir? – und aus den Augenwinkeln nach rechts und nach links beobachten, welche anderen Wellen im Anmarsch sind. Es geht darum, den Moment selbst zu beherrschen. Man kann eine Welle reiten, aber irgendwann bricht sie.

Gosch: Über die sozialen Medien kann Gemeinschaft, Empathie oder auch Hoffnung entstehen, verstärkt und kommuniziert werden. Ich glaube, dass darin eine ganz große Chance liegt. Wenn es gut läuft, schaffen wir eine verbundenere, aneinander interessierte Weltgesellschaft. Wir wollen ja, dass die Menschen das Gefühl haben, dass Politik ihre Interessen vertritt und die beste der möglichen Lösungen für den größten Teil der Bevölkerung findet. Ich glaube, dass da eine Chance besteht, um die wir ringen sollten.