Gesellschaft gestalten

Von Dr. Kay Hinz am 01. März 2018

Querulant, Wichtigtuer, Narzisst – wer als Politiker aus der Reihe tanzt, gerät schnell unter Beschuss, vor allem aus den eigenen Reihen. Dabei kann Politik nur dann innovativ sein, wenn sich politische Akteure von eingefahrenem Denken lösen und eigene Vorstellungen einbringen. Was jedoch genau macht dieses Querdenken aus? Wie kann man es befeuern und was motiviert Menschen überhaupt, sich politisch zu engagieren?

Wir haben darüber mit Alexander Ahrens gesprochen, seit 2015 ist er Oberbürgermeister der sächsischen Stadt Bautzen. Und hat in seinem Amt mehr als einmal bewiesen, was es heißt, eine starke Meinung zu vertreten.

Querdenken in der Politik wird häufig mit Rebellentum gleichgesetzt. Was ist für Sie der Unterschied zwischen Rebellen und Querdenkern?

Als Querdenken bezeichne ich es, wenn in der Politik jemand seinen Standpunkt auch gegen interne Widerstände aufrechterhält. Das ist notwendig für die politische Debatte und sorgt dafür, dass Politik nicht als beliebiges Spiel um Macht und Posten wahrgenommen wird. Interessanterweise wird das Querdenken gerade von der etablierten Politik oft mit Rebellentum gleichgesetzt. Wer das tut, wertet die Argumente der Querdenkenden ab. Das zu tun ist falsch, weil Querdenken konstruktiv ist.

Gerade neue Gruppierungen, die abseits des politischen Mainstreams stehen, sehen sich als Querdenker. Lässt sich das Reden von Denkverboten und einer übermäßigen politischen Korrektheit wirklich so beschreiben?

Wer sich äußern will, der kann sich äußern, Denk- und Sprechverbote gibt es nicht. Jemand, der das behauptet, denkt nicht quer und sagt nicht die Wahrheit. Es nützt aber niemandem etwas, mit diesen Menschen nicht zu reden. Ich muss meine Positionen ja nicht aufgeben, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die andere Positionen vertreten. Gerade in meiner Funktion als Oberbürgermeister sehe ich es als meine Aufgabe, mit Leuten zu reden, die Dinge anders sehen als ich. Allerdings muss hier von Anfang an klar sein, dass es bestimmte Dinge gibt, die für mich nicht verhandelbar sind. Dazu gehört für mich zum Beispiel, dass man Menschen hilft, die in Not sind!

Beschränkt Sie Ihre herausgehobene Stellung als Oberbürgermeister, sich streitbar äußern zu können?

Diese Funktion schafft für mich die Möglichkeit, mich zu äußern und vor allem schafft sie es, dass mir die Leute zuhören. Der große Vorteil an dem Job ist, dass mir auch die Leute zuhören, die eine andere Meinung vertreten als ich. Und genau das sind die Leute, zu denen ich durchdringen will und muss. Wenn ich denen vermittle, dass sie mich beim Wort nehmen können, auch wenn sie Vieles anders sehen, ist schon viel gewonnen. Die Stellung als Oberbürgermeister verhilft mir damit auch, außerhalb von Bautzen, aber innerhalb meiner Partei Gehör zu finden.

Zu Beginn Ihrer Tätigkeit als Oberbürgermeister waren Sie parteilos. Später sind Sie dann in die SPD eingetreten. Beeinflusst die Parteizugehörigkeit Sie, sich so zu äußern wie sie möchten?

Ich war ja kein richtiger Parteineuling, sondern war bereits einmal SPD-Mitglied. Dort bin ich allerdings 1999 ausgetreten. Mein Wiedereintritt im Jahr 2017 war eher mein Bekenntnis zur Parteiendemokratie insgesamt. Sich hier zu positionieren, halte ich in diesen Zeiten für wichtig. Die Parteizugehörigkeit beschränkt mich darin nicht. Das liegt auch daran, dass ich recht unabhängig in meiner Partei bin. Als Parteiloser hätte ich sicher ein ruhigeres Leben, als SPD-Mann biete ich mehr Reibungsfläche und mehr Angriffspunkte. Politik braucht diese Reibung. Wenn die Polarisierung nicht innerhalb des demokratischen Spektrums stattfindet, entspinnt sie sich zwischen Demokraten auf der einen und Gegnern der Demokratie auf der anderen Seite. Das kann nicht in unserem Sinne sein.

Ob in einer Partei oder in anderer Form – wie können wir politisch denkende Menschen dazu einladen, sich zu engagieren und auch abseits der bekannten Pfade zu denken und zu handeln?

Um Engagement attraktiv zu machen, muss sich in der politischen Kultur grundlegend etwas ändern. Es kann nicht sein, dass junge Menschen in der Politik belächelt werden und dass man erst dann Gehör findet, wenn man eine jahrelange Ochsentour durch eine Partei mitgemacht hat. Politik ist nicht das Abhaken von Karrierestationen, sondern es ist das Gestalten von Gesellschaft. Wer sich als politisch denkender Mensch für seine Ansichten gerademacht, auch in schwierigen Zeiten, der muss auch ernstgenommen werden. Die Leute nehmen es Politikerinnen und Politikern zurecht übel, wenn sie keine Standpunkte haben und wortbrüchig werden. Es muss vermittelt werden, dass sich politisches Engagement lohnt – nicht aus Eigennutz, sondern für das, was man erreichen will, ob für den Stadtteil, für das Land oder für die Welt.

Alexander Ahrens wurde 2015 als überparteilicher Kandidat zum Oberbürgermeister im sächsischen Bautzen gewählt. Im Jahr 2016 wurde Ahrens überregional bekannt, nachdem er sich nach rassistischen Übergriffen auf dem Bautzener Marktplatz mit aggressiven Rechten konfrontiert sah. Nach langen Wortgefechten beruhigte sich die Situation. Ahrens sucht so oft wie möglich das Gespräch auf der Straße, anstatt nur vom Schreibtisch aus zu handeln.