Eine Zeitenwende

Interview mit Prof. Dr. Sabine Hark

Von Nicolas Bilo am 01. März 2018

Querdenken heißt auch, Alltägliches in Frage zu stellen. Und kaum etwas ist alltäglicher als unser Geschlecht: Von klein auf lernen wir, zwischen Jungen und Mädchen zu unterscheiden. Doch es ist gerade dieses, vermeintlich so natürliche Prinzip, dass die Gender-Studies in Frage stellen.

Wir sprachen mit Prof. Dr. Sabine Hark, Soziologin mit Schwerpunkt in Geschlechterforschung, die an der TU Berlin das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung leitet. 

Das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt, dass es künftig neben männlich und weiblich eine dritte Kategorie im Geburtenregister für das Geschlecht geben wird. Ist das eine Revolution der Geschlechter?

Revolution ist sicherlich ein großer Begriff. Eine Zeitenwende stellt das Urteil aber allemal dar. Denn es hat das Ende der Zweigeschlechtlichkeit im deutschen Recht eingeläutet. Schließlich hat das Gericht den Gesetzgeber aufgefordert, bis Ende 2018 für „Personen, deren Geschlechtsentwicklung gegenüber einer weiblichen oder männlichen Geschlechtsentwicklung Varianten aufweist“ entweder einen „positiven Geschlechtseintrag im Geburtenregister“ zu ermöglichen oder aber gänzlich auf die Eintragung des Geschlechts zu verzichten. Zu Letzterem wird es wohl nicht kommen, aber dass nun eine dritte, positive Möglichkeit gefunden werden muss, die nicht männlich oder weiblich heißt, ist schon ziemlich atemberaubend.

Immer wieder machen Zahlen über die Anzahl möglicher Geschlechter die Runde. Ist es überhaupt sinnvoll, immer mehr möglichst viele ausdifferenzierte Schubladen zu finden?

Schubladen sind nie sinnvoll, wenn es um Menschen geht, schließlich ist menschliches Leben viel zu komplex, um sauber sortiert zu werden. Davon abgesehen hat der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch jüngst noch einmal bekräftigt, was die Gender Studies seit Langem argumentieren: Dass es letztendlich so viele Geschlechter gibt, wie es Menschen gibt.

Auch zahlreiche medizinische, neurowissenschaftliche und humanbiologische Forschungen zeigen, dass nicht einmal das, was wir gemeinhin als unumstößlich gegeben betrachten, eindeutig bestimmbar ist. Da kann das hormonale Geschlecht durchaus im Widerspruch zum chromosomalen Geschlecht stehen und das wiederum nicht in Einklang sein mit den sogenannten primären Geschlechtsmerkmalen. Selbst renommierte Humanbiologen argumentieren daher, dass wir im Grunde die Menschen selbst fragen sollten, als was sie sich begreifen, ob männlich oder weiblich oder keins von beiden – womit wir wieder beim Urteil des BVerfG wären.

Wenn es ein sozial geformtes Gender gibt, bleibt dann noch etwas natürliches, ein Sex jenseits kultureller Geschlechterkategorien?

Ich muss sagen, dass mich diese Frage zunehmend amüsiert. Wofür ist es eigentlich so wichtig, zu wissen, ob es etwas jenseits von Kultur gibt? Wollen wir unsere Identität darauf gründen, entweder die eine oder die andere anatomische Ausstattung mitzubringen? Aber im Ernst: Davon zu sprechen, dass Geschlecht eine kulturelle Konstruktion ist, heißt ja nicht, in Abrede zu stellen, dass wir alle in und mit einem Körper leben. Aber schon indem ich das so sage, bin ich bereits im Bereich der Kultur und Bedeutung. Wir können das doch gar nicht trennen: Kultur und Natur.

Die Philosophin Judith Butler hat einmal gesagt, dass Geschlecht der Ort ist, an dem die Frage der Grenzziehung zwischen Kultur und Natur verhandelt wird – eine Grenzziehung, die offenkundig immer wieder neu verhandelt werden muss, weil sie beständig neu gezogen wird. Wenn eine Person eine Brille trägt oder mit den Stammzellen einer anderen Person weiterlebt, können wir ja nicht sagen, sie ist entweder auf der Seite der Kultur oder der Seite der Natur. Ihre Natur ist vielmehr die unauflösliche Verschmelzung von Natur und Kultur.

Unsere Gesellschaft hat doch auch Jahrhunderte gut mit zwei Geschlechtern funktioniert. Warum ist es überhaupt wichtig, diese Kategorien in Frage zu stellen?

Die US-amerikanische Transaktivistin Kate Bornstein hat einmal gesagt, es gibt Geschlecht nur deshalb, damit die eine Hälfte der Menschheit die andere unterdrücken kann. Wenn Sie das damit meinen, dass die Gesellschaft über Jahrhunderte gut mit zwei Geschlechtern funktioniert hat, ist es sicher ein Problem, diese Kategorien in Frage zu stellen. Und in der Tat basiert unsere Gesellschaft ja wesentlich darauf, zwei und nur zwei Geschlechter zu kennen. Das ist beispielsweise für die ja immer noch ganz gut funktionierende geschlechtliche Arbeitsteilung nötig. Frauen leisten aktuell für Kinder, Haushalt, Pflege und Ehrenamt täglich 52 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer, wie eine Studie des Bundesfamilienministeriums gezeigt hat. Ist also ganz praktisch für eine Gesellschaft, dass sie Frauen und Männer unterscheidet.

Sollten wir Geschlecht künftig querdenken?

Ich weiß nicht genau, was Sie mit querdenken meinen. Von sollen kann ohnehin nicht die Rede sein. Ich würde eher mit Kant sagen, „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Und damit meine ich eben nicht den Alltagsverstand, der alles hinnimmt, wie es ist, sondern den Verstand, der in Frage stellt, der die Dinge nicht für bare Münze nimmt, der fragt, warum etwas so und nicht anders organisiert ist, der danach fragt, ob es noch andere Möglichkeiten geben könnte.

Die Geschlechterforschung spricht hier auch von der Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit, die auf drei Annahmen beruht: es gibt zwei und nur zwei Geschlechter, diese sind biologisch gegeben und können sich im Laufe eines Lebens niemals ändern und alle Personen gehören entweder dem einen oder dem anderen an. Empirisch haben wir alle längst die Erfahrung gemacht, dass das nicht so ist, warum also nicht endlich zur Kenntnis nehmen, dass es anders ist?