Macht Not erfinderisch?

Von Stephan Kolbe am 21. November 2016

Deutschland steht vor der Frage, wie eine große Zahl geflüchteter Menschen einen Platz in unserer Gesellschaft finden kann. Zwei Beispiele zeigen, wie Kreativität hier konkret Probleme lösen kann.

Aus der Not eine Tugend machen und Licht in den deutschen Bürokratiedschungel bringen – das will eine Handvoll junger syrischer Geflüchteter in Berlin mit ihrer Smartphone-App „Bureaucrazy“. Während wir uns längst an Formulare, Nachweise und Einverständniserklärungen aller Art gewöhnt haben, sind diese Dokumente für die Neuankömmlinge ein Buch mit sieben Siegeln. Aus der Not machten einige eine Tugend – und wandelten ihre Erfahrungen mit Behörden und Ämtern kurzerhand in eine Idee um. Warum nicht anderen geflüchteten Menschen, die alle vor den gleichen Herausforderungen stehen, mit einer App dabei helfen, den nötigen Papierkram zu verstehen und zu erledigen? Es entstand ein wertvolles Hilfsmittel, das auch manch Deutscher gut gebrauchen kann.

Beim Berliner Projekt „CUCULA“ beispielsweise zeigt sich, wie Kreativität dazu beitragen kann, Auswege aus einer schwierigen Situation zu finden. Fünf junge Menschen aus Niger und Mali, denen sonst alle Türen verschlossen blieben, machten eine Ausbildung und bauen seither gemeinsam in einer Werkstatt hochwertige Designmöbel. Die Philosophie: an der eigenen Zukunft bauen anstatt verwaltet zu werden – so wird Integration konkret. Dass die Idee funktioniert, führen die Initiatoren vor allem auf die Experimentierfreudigkeit, den Glauben an das Potenzial eines jeden Einzelnen und das erlebbare Gefühl von Selbstwirksamkeit zurück. Auch das sind also wichtige Erfolgsfaktoren von Kreativität.
Letztlich braucht Kreativität aber auch einen langen Atem. Dabei sind beide Projekte auf dem besten Weg. Mit ihrem Crowdfunding-Aufruf auf betterplace.org haben die Macherinnen und Macher von „Bureaucrazy“ bereits 70 Prozent finanziert. „CUCULA“ will nach der Pilotphase als gemeinnütziger Verein weiterarbeiten und somit weiteren Flüchtlingen die Chance aufs Lernen, Arbeiten und Experimentieren ermöglichen.

Bild: unsplash.com / Gaetano Cessati