„Manchmal ist kein Plan auch ein Plan“

Von Steffen Wüller am 14. Juni 2017

Im Zeitalter der „Laptop-Trainer“ vom Schlage eines Pep Guardiola oder Thomas Tuchel scheint Fußball eine hochkomplexe Angelegenheit geworden zu sein: Erst wird analysiert, dann getüftelt und wenn am Ende das Runde ins Eckige kommt, ist alles das Ergebnis einer ausgeklügelten Strategie. Oder etwa doch nicht? Was uns der Fußball über den Umgang mit Komplexität lehren kann, wollten wir von Frank Wormuth wissen. Er ist Leiter der Trainerausbildung beim Deutschen Fußball-Bund. 

Herr Wormuth, im gesellschaftlichen Diskurs ist Komplexität häufig negativ besetzt. Geschwindigkeit und Menge an Informationen nehmen rasant zu – die Menschen fühlen sich überfordert. Erleben Sie das in Ihrem Alltag ähnlich?

Nein. Meinen Alltag habe ich so aufgebaut, dass ich die Quintessenz aus all den an mich herangetragenen Informationen herauslesen kann. Schüler vorm Abitur würden hier vom „auf Lücke lernen“ sprechen. Ich bin auf keinem Social-Media-Kanal aktiv. Selbst Whats-App-Gruppen gehe ich aus dem Weg. Ergo: Ich habe mir geistige Filter aufgebaut, die mich vor der Komplexität des Lebens schützen. Ich lasse los und habe Vertrauen, dass ich trotzdem mit meinem gefährlichen Halbwissen mitreden kann. Und in meinem Spezialfach „Fußball“ habe ich mir genügend Fachwissen angeeignet, dass ich selten Neues erfahre, es wenn dann aber sofort verinnerliche. 

Als Leiter der Fußballlehrerausbildung des DFB bereiten Sie angehende Trainerinnen und Trainer seit 2008 auf den Profialltag vor. Wie hat sich der Profi-Fußball in dieser Zeit verändert? Ist auch er immer komplexer geworden?

Auch hier ein für mich klares „Nein“. Innerhalb seiner historisch gewachsenen Struktur hat er sich zweifellos zu einem „Mehr“ entwickelt. Mehr Spezialisten um den Cheftrainer herum, mehr Zahlen, Daten, Fakten nach dem Spiel, mehr Experten in den Medien, mehr Spielerberater hinter den Spielern usw. Sie sehen, der Fußball hat sich insgesamt als Gebilde zwar vermehrt, dennoch ist die Struktur des Spieles gleich geblieben. Auf dem Platz gibt es immer noch nur vier Situationen, in denen sich die Spieler verhalten müssen. Ballgewinn bedeutet Konter oder Spielaufbau gegen einen hinter dem Ball stehenden Gegner und Ballverlust führt zu einem Gegenpressing oder einem Fallen hinter dem Ball. Klingt ziemlich einfach und das ist es auch. Kompliziert wird es dann, wenn man es jemandem erklären muss.

An jedem Spielwochenende erfasst die Deutsche Fußball Liga mittlerweile mehr als 65 Millionen Positionsdaten. Jeder gelaufene Meter, jeder Pass und jeder Zweikampf wird genau erfasst. Was macht das mit dem Fußball, wie verändert es das Spiel?

All diese von Ihnen erwähnten Daten müssen a) erfasst und b) verarbeitet werden. Dadurch entstehen mittlerweile eine Menge Arbeitsplätze rund um den Fußball. Aber glauben Sie mir: Die Trainer filtern die ganzen Daten bis auf ein Minimum herunter. Aus Big-Data wird Smart-Data – und die gibt den Protagonisten auf dem Platz nur ein Feedback der Arbeit des vergangenen Spieles. Aber selbst der Vergleich von Spiel A und Spiel B eine Woche später sagt nur etwas aus, wenn sie die qualitative Spielanalyse, also das Spiel in der subjektiven Beobachtung, hinzunehmen. Vielleicht ist die Mannschaft im Spiel B weniger gelaufen, weil der Gegner nur tief vor dem eigenen Strafraum stand. Sie merken: Ich relativiere die ganzen Daten. Nichtsdestotrotz haben sie ihre Bedeutung. Sie müssen nur immer in einem Zusammenhang gesehen werden. Das Spiel selbst verändert sich primär aber nicht aufgrund der Daten, sondern aufgrund der Ansprüche und der Qualität der Protagonisten.

Bei der Taktikanalyse im TV analysieren Experten mit bunten Kreisen und Pfeilen spielentscheidende Szenen. Dem Zuschauer wird suggeriert, dass das Spiel einem perfekten Plan folgt. Spielsituationen wirken meisterhaft orchestriert. Ist das wirklich so? Wie beurteilen Sie aus Ihrer Sicht diese Analysen?

Reden wir einmal von den Mannschaften, deren Trainerteams in der Tat eine Spielidee mit ihren Spielern erarbeitet haben. Dann haben wir eine Handschrift, die bei genauerem Hinschauen auch immer wieder erkennbar ist. Wir dürfen jedoch nicht den Gegner mit seinen Spielideen vergessen. Es sei denn, dass Bayern München gegen Buxtehude spielt. Dann sehen wir über 90 Minuten nur zwei klare Pläne. Bei Ausgeglichenheit wechselt es sich ab und passt sich auch dem Spiel an. Dann spricht man auch gerne vom Plan B. Der Unterschied zwischen einem Orchester – um die Formulierung Ihrer Frage aufzugreifen – und einer Fußballmannschaft sind die vielen, nennen wir sie Spielerpläne oder auch situative Spielerqualitäten. Erinnern Sie sich noch an Maradonas Dribbel-Tor bei der WM 1986 gegen England? Das war nicht der Plan der Mannschaft, sondern sein Plan. Und unsere TV-Experten machen nichts anderes als diese vielen kleinen und großen Pläne dem Zuschauer zu zeigen. Manchmal übertreiben sie ein wenig, denn nicht jeder Spieler fasst einen bewussten Plan, wenn er ein Tor erzielt, sondern hält ohne Plan einfach mal drauf. In dem Fall ist „kein Plan“ auch ein Plan.

Was meinen Sie, wie wird sich der Fußball in Zukunft weiterentwickeln? Was geben Sie den angehenden Trainerinnen und Trainern mit auf den Weg?

Den Trainerinnen und Trainern geben wir einen "detaillierten Überblick" über den Fußball. Wir bilden keine Meinung, sondern geben Tools in die Hände von selbstständigen Menschen, die damit ihre ureigene Geschichte schreiben können. In der Sportpsychologie reden wir zum Beispiel gerne davon authentisch zu sein: „Gib deinen Spielern das Gefühl, dass Du ihr Freund bist“, ohne die Autorität zu verlieren. In der Physiologie zeigen wir Ihnen unter anderem, wie sie ihre Spieler fit bekommen. Bei der Fußballpraxis schließlich spielen wir auf der Klaviatur technisch-taktischer Gedanken. Das Paket am Ende heißt Führerschein, gefahren wird aber immer erst in der Realität.

 

 

Frank Wormuth ist seit 2008 Leiter der Trainerausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Viele der heutigen Bundesligatrainer gingen durch seine Schule. Seine eigene Trainerkarriere startete er als Assistenztrainer von Joachim Löw bei Fenerbahçe Istanbul. Zwischen 2010 und 2016 war er Trainer der U 20-Nationalmannschaft.

 

 

Bild: neues handeln / Getty Images