“Die etablierten Medien rennen hinterher”

Von Dr. Kay Hinz am 14. Juni 2017

Das Internet erlaubt uns, immer über alles auf dem Laufenden zu sein – davon gehen wir zumindest aus. Was macht die hohe Taktung an Informationen mit den Nutzern und wie sehr müssen sich traditionelle Medien an die Logik des Internets anpassen? Professor Gerhard Vowe, Kommunikations- und Medienwissenschaftler an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Sprecher der DFG-Forschergruppe “Politische Kommunikation in der Online-Welt” erklärt uns im Interview, wie die Frequenz an Informationen unsere Wahrnehmung prägt und was das mit den traditionellen Medien macht.

Jeder Tweet eine Headline: Wenn Donald Trump twittert, greifen selbst traditionelle Medien Tweets auf wie Pressemitteilungen. Was bedeutet es für die Meinungsbildung, wenn politische Informationen in 140 Zeichen daherkommen?

Das bedeutet einiges: Die Debatten werden hektischer, denn jeder spürt den Druck, sofort reagieren zu müssen. Die Debatten werden vielstimmiger, denn durch die sozialen Netzmedien kann jeder seinen Teil beitragen. Die Debatten werden rauer, denn im Netz ist die Distanz zwischen den Kommunikationspartnern größer als von Angesicht zu Angesicht. In die Debatten kann gezielter eingegriffen werden, weil man ihren Verlauf über die Spuren im Netz präziser beobachten kann. Und aus den Debatten kann mehr gelernt werden, denn die Auswertung der Kommunikationsdaten erlaubt Schlussfolgerungen, wie man beispielsweise wen mit was erreichen kann.

Mediennutzung läuft mittlerweile verstärkt mobil ab. Wir sitzen in der Straßenbahn und sondieren die Weltlage in den Newsfeeds unserer Netzwerke. Sind wir dadurch besser informiert?

Diejenigen, die sich informieren wollen, können sich besser und vielfältiger informieren als je zuvor. Sie erhalten Zugriff auf unendlich viele und auch sehr unterschiedliche Informationsquellen. Da stellt sich massiv das Problem der Selektion – aber dafür kann man ja dann auf die Online-Angebote der guten alten Massenmedien zurückgreifen. Und diejenigen, die nur ein geringes Interesse haben, sich über die Weltlage zu informieren, die werden durch die Newsfeeds der Netzwerke nebenbei informiert, bekommen die politischen Informationen sozusagen als „Beifang“. Studien zeigen, dass auch diejenigen, die eine sehr profilierte Meinung haben, auch mit anderen Positionen konfrontiert werden – in die Echokammern dringen immer wieder auch andere Stimmen.

Wer verändert sich durch die Informationsflut stärker – die Redaktionen in ihrer Arbeit oder die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Wahrnehmung von Informationen?

Die Konsumenten von Information wandeln sich zu „Produsern“: Viel mehr Menschen als früher reichern die Information der Massenmedien an, etwa mit eigenen Kommentaren. Sie liken und sharen die Beiträge. Oder sie laden zu einem Thema eigene Beiträge hoch – ein eigenes Foto oder ein Video, das sie gefunden haben. Diesen Veränderungen der Nutzer rennen die etablierten Medien hinterher. Manche bekommen das ganz gut in den Griff, andere weniger. Es ist für die Redaktionen schwierig, die Balance zu halten: einerseits an Bewährtem festzuhalten und die eigene Seriosität nicht aufs Spiel zu setzen, andererseits auch mal Neues zu erproben und ihre Routinen zu überprüfen.

Politiker treten heute ohne Umwege an ihr Publikum heran. Wie können traditionelle Massenmedien im Wettbewerb bestehen und weiterhin an der Meinungsbildung mitwirken?

Politiker tun gut daran, sich klar zu machen, dass die Möglichkeit, etwas ins Netz zu stellen, nicht bedeutet, dass dies auch wahrgenommen wird. Wenn sie die etablierten Medien umgehen wollen, müssen sie Zugang zu den Kommunikationsnetzen bekommen, sie müssen geliked und geshared werden. Das ist das neue Nadelöhr, durch das politische Botschaften müssen.

Setzt sich damit ganz demokratisch der beste Beitrag durch? Oder erleben wir einen Wettbewerb der Vereinfachung und des Populismus?

Es entscheiden eben die neuen Gatekeeper, was ein interessanter und was ein uninteressanter Beitrag ist. Da spielen dann aber auch andere Maßstäbe eine Rolle, als sie von den etablierten Eliten hochgehalten werden. Damit müssen wir leben.

Und was können die Massenmedien in diesem Spannungsfeld tun?

Einerseits müssen sie die journalistischen Qualitätsmaßstäbe hochhalten, um in der Informationsflut Orientierung zu geben und sich gegenüber den zahllosen Konkurrenten zu profilieren. Dafür wird es immer Bedarf geben, auch wenn derzeit niemand genau beantworten kann, wie in Zukunft Qualitätsjournalismus finanziert werden soll. Andererseits müssen die traditionellen Medienanbieter lernen: Sie müssen in Maßen schneller, pluraler, differenzierter und hybrider werden.

 

Bild: privat